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Verdrängen oder "Probleme von der Seele reden"?


von Marcus Knill


Die Technik, Traumaopfer ihre unterdrückten Gefühle und Ängste mit einem Therapeuten auszusprechen zu lassen, ist nicht unumstritten. Im September 2002, ein Jahr nach der 911 Katastrophe, sind erste Studien veröffentlicht worden, die die Ineffektivität dieser Catharsis Methode beim 11. September Unglück aufzeigten. Der Artikel von Lauren Slater, der zuerst im "New Yorker" erschienen ist und dann auf Deutsch übersetzt in der "Weltwoche" abgedruckt wurde, fasst ein paar Kritikpunkte zusammen. Wir beleuchten hier einige Stellen aus dem Artikel und zeigen, was die Erkenntnis in der Alltags und Berufskommunikation bedeuten könnte.

Im Essay - "die Kunst der Verdrängung" - von Lauren Slater in der Weltwoche Nr. 28, 2003 hat den provokativen Untertitel:

"Da geht man jahrelang in die Psychotherapie, und trotzdem geht es einem nicht besser. Vielleicht gerade darum!"

Lauren Slater hat nach einem Master von der Harvard Universität an der Boston University in Psychologie promoviert. Ihre Essays gewannen den "Best American Essays" in den Jahren 1994 and 1997. Sie gewann 1993 den "New Letters Literary Award" und in 1994 den "Missouri Review Award". Ihre Arbeiten erschienen in verschiedensten Zeitschriften. Slater lebt in Massachusetts.


Obschon wir in unseren Beiträgen immer wieder darauf hingewiesen haben, dass in der "Angewandten Rhetorik" Konflikte nicht auf die lange Bank geschoben, und Dinge, die belasten, konkret angesprochen werden sollten, teilen wir in gewisser Hinsicht Slaters These:


Oft hilft es mehr, Dinge zu verdrängen als unablässig "schrecklichen Geschehnisse" gedanklich aufzuwärmen. Wer Probleme hat, sollte keine Psychologen aufsuchen, die ausschliesslich mit Rückspiegelungen arbeiten. Die Vergangenheit gehört nicht ins Zentrum der Therapie. Gedanken und Worte dürfen nicht im Zurückliegenden behaftet bleiben.



Traumatherapie

  • Erfahrene Therapeuten haben erkannt, dass zwar ein Spiegeln der gegenwärtige Befindlichkeit notwendig ist, der Schwerpunkt aber auf der Zukunft liegen muss.
  • Eine Studie von H.J. Eysenck aus dem Jahre 1952, die noch heute Verlegenheit in der Branche auslöst, kam zum Schluss, dass Psychotherapie im Allgemeinen nicht viel mehr und nicht viel weniger helfe als das langsame Verstreichen der Zeit.
  • Die Rolle des Therpeuten sei vor allem, mögliche Lösungswege auszuleuchten und hilfreiche Lernbilder zu suchen, die den Weg zur Besserung sichtbar machen.

    Am besten wird den Betroffenen gezeigt, wie sie selbstständig Lösungswege finden können. Hilfe zur Selbsthilfe ist gefragt.

    Der Berater richtet sich nach vorn aus - in die Zukunft. Das Verweilen im Rückspiegel schätzen gewiss alle jene Therapeuten, die Patienten lange behandeln möchten. Wer jedoch dauernd alte Wunden leckt, löst sich nicht vom Problem. Geschehnisse können durch das stete Aufwärmen in die Seele gebrannt werden.
  • Auch neuste Forschungen zeigten, dass es manchen traumatisierten Patienten besser geht, wenn sie ihre schmerzlichen Erfahrungen verdrängen, anstatt sie in der Therapie von allen Seiten immer wieder zu beleuchten.

    911
  • Diese Forschungen basierten zum Teil auf den Erfahrungen des 11. September 2001. Nachdem das World Trade Center eingestürzt war, strömten die Therapeuten auf den Schauplatz. Auf jedes Opfer seien drei Psycho-Helfer gezählt wurden. Traumaforscher Richard Gist, der mit einer wachsenden Zahl von Kollegen Kritik an diesen Nachbesprechungsprozeduren übt:




  • "Passiert ist aber bloss eines, nämlich, dass es einigen Leuten danach noch viel schlechter ging. Denen hat man mit den Interventionen entweder nicht geholfen, oder ihr Trauma sogar erneut aufleben lassen!"

    Gist ist Professor an der Universitiy of Missouri und betreut seit Jahren Katastrophenopfer. Er erlebte, dass Therapeuten zum Unglücksort rennen, mitfühlend nicken, die Opfer ermuntern, das Geschehen nochmals gedanklich durchzumachen. Das Resultat sei aber, dass es den Überlebenden nachher noch schlechter ginge als vorher.

    "Wenn man Leute an den Rand des Abgrundes führt, ist es nicht verwunderlich, dass sie irgendwann runterfallen."           - Richard Gist.

  • Die Trauma-Therapie basierte jahrelang auf dem Glauben an die Kraft des Von-der-Seele-Redens. In Tel Aviv untersuchten Karmi Ginzburg, Zahava Solomon und Avi Bleich, wie sich die Methode der "Verdrängung" nach einem negativen Erlebnis auswirkt. Verdrängung verstanden sie als Akt des Herunterspielens, des Bagatellisierens, ja des Leugnens. In der experimentellen Psychologie habe sich gezeigt, dass die "Verdränger" das Trauma rascher überwinden konnten, als die "Dampfplauderer". Langzeitstudien belegten sogar, dass jene Patienten, die sich ständig mit dem Erlebnis beschäftigten und sich entsprechende Sorgen machten, eine viel schlechtere Prognose hatten als die "zugeknöpften" Leidensgenossen. Die israelische Studie stellte die Hypothese auf, dass die "Verdrängung" als erfolgreiche Bewältigungsstrategie funktionieren kann.
  • Eine Studie von Arnold van Emmerik, dem Departement Klinische Psychology der Universität Amsterdam versuchte die Gründe für das Versagen von angewandtem Stressdebriefing (CISD = critical incident stress debriefing) durch Therapeuten zu geben:
    • Es könnte mit das normalen Verhalten im Stressumgang stören, das Sprechen mit Freuden und Familie zum Beispiel.
    • Es könnte unvorteilhaft sein, dass Betroffene weiter mit den Faktoren in Kontakt gebracht werden, die das Trauma verursacht haben.
    • Nicht alle Leute an denen die Technik angewandt werde, seien überhaupt Trauma gefärdet gewesen.
    Phillip Hodson von der Britischen Beratungs und and Psychotherapie Gesllschaft meint: Viel CISD werde von gutmeinenden aber nicht qualifizierten Leuten durchgefürt.


Anwendung auf Alltagskommunikation

Aus diesen Erkenntnissen lässt sich Wichtiges auf die Alltagskommunikation übertragen.

Vor allem bei
  • Kritikgesprächen,
  • Schlecht- Nachrichten- Gesprächen,
  • Verhaltungsverbesserungsgesprächen,
  • Problemlösungsgesprächen, oder
  • Beanstandungen
lohnt es sich, den Sachverhalt so rasch wie möglich konkret, kurz und offen zu beschreiben:
  • ohne "wenn und aber"
  • kein "Um den Brei herum reden"
  • ohne vagen Andeutungen
  • nichts unter den Teppich kehren
  • Problem nicht auf die lange Bank schieben


Beim Aussprechen konkreter Sachverhalte dürfen wir aber bei allen Konfliken oder Problemen nie im Konfliktherd verweilen, verharren, ständig darauf zurückkommen oder sich sogar darin "suhlen". Das "Verdrängen" nach einer harten Auseinandersetzung kann in vielen Fällen heissen:
  • mit dem Schwamm darüber zu gehen,
  • Kritik ausblenden,
  • sich auf Positives fokussieren,
  • alte Geschichten vergessen,
  • sich entlasten.
Wir kennen Menschen, die Schlimmes erlebt hatten und sich nachher selbst mit Erfolg und ohne Therapeut mit
  • Lesen
  • Tagträumen
  • Ablenkung
  • bewusstem Ausklammern
  • Verdrängung
  • gezieltem Ausblenden
  • Überlagerung
  • der Fokussierung auf Positives, auf Neues, auf ein visualisiertes Bild
helfen konnten.


Analoge Erkenntnisse gibt es bei der Schmerztherapie oder beim Tinnitus. Wer sich gedanklich ständig auf die Schmerzen oder das Leiden konzentriert, muss sich nicht wundern, wenn sie verstärkt werden und als noch schlimmer empfunden werden.
Ein Beispiel ist die Humortherapie, bei der man durch bewusstes Lachen Antwort auf seelische und körperliche Qualen sucht. Die Humortherapie wird zum Beispiel bei chronisch kranken Kindern angewandt. Selbst Laien sehen, dass dort die Ablenkung als eine Art "Verdrängung" mehr zur Linderung der Leiden beitragen kann, als das unablässige Reden über die Schmerzen.


So gesehen zeigt sich einmal mehr, dass bei vielen Kommunikationsprozessen -je nach Situation - beides sinnvoll sein kann: Das Aussprechen eines Problems, wie auch das bewusste "Verdrängen".



8. August, 2003




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