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Gesprächsunkultur


von Marcus Knill

'Mutter, Du bist ein fettes Schwein, ich hasse Dich.'


Dieser Satz - zufällig herausgepickt aus einer der zahlreichen Talksendungen, die tagsüber aber auch nachts stundenlang über RTL , SAT 1 , PRO 7 , ARD 1 am Bildschirm konsumiert werden können, veranschaulicht uns: Wenn Sonja , Arabella, Vera, Sabrina, Ilona, Hans Meiser Andreas Türk , Birte Karalus , Jörg Pilawa , Nicole und wie sie alle heissen; angeblich Lebens- oder Beziehungsprobleme diskutieren, so geht es dabei kaum um echte Aussprachen oder Diskussionen, ebensowenig um gleichwertige Austauschprozesse, hilfreiche Lösungen; geschweige denn um Verbesserungen von Kommunikationsprozessen. Das wünschbare Ziel von Gesprächssendungen, nämlich sich künftighin besser zu verstehen ist nicht einmal ansatzweise zu erahnen. Im Gegenteil: Anstatt ein Thema zu vertiefen, geht es höchstens um die Vertiefung der Gräben zwischen extremen Positionen. Wer die Sendungen eingehender verfolgt, der erkennt bald: Die Absicht, ohne grossen Aufwand, heftige lautstarke Konfrontationen ausleben zu lassen, ist unverkennbar. Das Rezept, wie mit wenig Kosten grosse Einschaltquoten erlangt werden können, scheint sich derzeit auszuzahlen.


Gefragt ist Abartiges

Das Modell bei den erwähnten Talk - Sendungen ist ähnlich. Es braucht Claqueure und Menschen, die bereit sind, zu einem vorgegebenen Thema die eigene Meinung angeblich offen, jedoch rücksichtslos auf den Tisch zu legen. Die Moderatorin stellt oberflächliche Fragen zu einem der mittlerweilen abgegriffenen Themen aus den Bereichen wie Geschlechterkampf, Eheprobleme, Generationenkonflikte, Streit mit Angehörigen oder mit Nachbarn. Schicksalsschläge, Krankheiten, Fettleibigkeit, Sexpraktiken wie auch Beziehungsprobleme stehen auf der Hitliste der immer wiederkehrenden Themenangebote. Sehr gefragt sind abartige oder ungewöhnlich extreme Meinungen wie beispielsweise: Ich bin verliebt in einen Massenmörder. Selbst Gewaltverbrecher, Drogendealer, Zuhälter oder Vergewaltiger werden eingeladen; wenn möglich mit getarntem Outfit, verstellter Stimme. Besonders geheimnisvoll wirkt es, wenn diese aussergewöhlichen Personen hinter einem Vorhang präsentiert werden. Das Risiko, bei derartigen Inszenierungen ideenreichen Talktouristen (Falschspieler) auf den Leim zu kriechen, muss wohl oder übel in Kauf genommen werden. Es gibt bereits erfindungsreiche Spieltypen, die angeblich bei verschiedenen Sendungen glaubwürdig bluffen konnten. Das Erfolgsrezept der Talksendungen ist tatsächlich banal: Die Kunst der Moderatorin besteht vor allem darin, das junge forsche Publikum mit Johlen, Pfeifen, Buhrufen oder Klatschen die älteste aller Freuden - nämlich die Schadenfreude - so ausleben zu lassen, dass derjenige am besten wegkommt, der am taktlosesten zurückschlägt oder am grobschlächtigsten beleidigt. In gewissen Sendungen werden Konflikte sogar bewusst angeheizt, indem die missliebigen 'Gegner' im richtigen Zeitpunkt eingeschleust werden, damit die Konflikte vor laufender Kamera so richtig eskalieren. In der Hitze des Gefechtes vergessen dann die meisten Betroffenen, dass der Streit eigentlich öffentlich ausgetragen wird. Selbstverständlich dürfen nicht alle Moderatoren in den gleichen Topf geworfen werden. Es gibt immerhin erhebliche Unterschiede hinsichtlich Kommunikationsstil bei den zahlreichen Sendegefässen.


Talkmaster sind überfordert



tuerk arabella karalus meiser nicole baerbel


An ernsthaften Themen würde es in unserer Gesellschaft gewiss nicht mangeln; an Problemen und Zeitfragen, die einer fachgerechten Diskussion würdig wären. Aber leider sind für echte Problemlösungsverfahren und Konfliktlösungstechniken die Talk- Moderatoren auf der ganzen Front überfordert, zumal ihnen das notwendige Fachwissen hinsichtlich der wichtigsten Kommunikationsgrundsätze oder hinsichtliche fachgerechter Diskussionsleitung fehlen. Ebenso mangelt es an der notwendigen psychologischen Fachkenntnis. ( Mit einer Ausnahme: Bei den Gesprächen mit 'Fliege'. Um ernsthafte Themen oder Lebensfragen vertiefen zu können, müsste viel mehr Zeit zur Verfügung stehen; vor allem, wenn es darum geht, gravierende seelische Entblössungen aufzufangen oder zu verarbeiten. Ob sich all jene Personen, die sich freiwillig auf die verbale Schlachtbank begeben, bewusst sind, welch gravierende Nachwirkungen auf sie zukommen? Die Nachwehen folgen nach der Sendung beinahe so sicher wie das Amen nach einer Predigt. Es gibt bereits unzählige irreparable 'Nachfolge-Opfer'. Meist haben ja all jene Verwandten und Bekannten die jeweilige Sendung mitverfolgt, bei welcher sie beschimpft oder öffentlich angeklagt worden sind. Wenn nicht, wird ihnen die Beschuldigung sicherlich rechtzeitig nachgereicht. Für die Betroffenen beginnt deshalb - vielleicht erst nach der Sendung - der eigentliche Seelenmarathon. Doch die Moderatoren kümmern sich nachträglich kaum um die angerichteten Scherbenhaufen im alltäglichen Beziehungsfeld der Opfer. Die Betroffenen glaubten vielleicht noch vor der Sendung, sie könnten das Massenmedium für sich nutzen, vielleicht, um Druck auf ihre Kontrahenten auszuüben. 'Jetzt kann ich es diesem oder jener zeigen!' Sie gehen deshalb blindlings alle Risiken des öffentlichen 'Wäschewaschens' ein. Möglicherweise auch deshalb, weil sie die einmalige Chance eines Medienauftrittes nicht verpassen möchten.


Hilfe oder Schadenfreude ausleben?

Die seelenstripteaseähnlichen Show ist jedoch in erster Linie billige Effekthascherei und hat weder mit echter Lebenshilfe noch mit hilfreicher Therapie etwas am Hut. (Das Argument, die Betroffenen, könnten sich im Auftritt die Probleme von der Seele reden, ist nur ein billiger Alibi - Vorwand) Die angeblichen Ratschläge aus dem Publikum oder von der Moderatorenseite hat vorab mit dem Wort Schlagen zu tun und nichts mit dem Wort: Rat (hilfreiches Beraten). Professionelle Gesprächsskultur sollte auf den Grundprinzipien zwischenmenschlicher Kommunikation basieren: Auf dem gegenseitigen Verstehen. Die Partner müssten ernst genommen werden, selbst dann, wenn andere Meinungen nicht geteilt wird. Gefragt wäre Gleichwertigkeit. Besonderen Stellenwert hätte bei guten Kommunikationsprozessen: Das Zuhören, das Ausredenlassen, das Denken und das möglichst präzise, überlegte Sprechen, wobei Emotionen nicht ausgeklammert werden müssen. Schlagfertiges Kontern wäre als geistreiches, spielerisches Fechten mit Begriffen und Argumenten erwünscht.
Bei den beschriebenen Geschwätz- und Konfrontationssendungen hingegen dominieren:


  • Erniedrigungen
  • Beleidigungen
  • Taktlosigkeit
  • Beschimpfungen
  • Das 'Über den Mund fahren
  • Das Lächerlich machen
  • Schlagfertigkeit; im Sinne von fertig machen
  • Das Durcheinanderreden
  • Das Unbeherrschte Verhalten' mit emotionalen Entgleisungen
  • Rücksichtsloses Verhalten
  • Unkontrolliertes Sprechen
  • Fäkalsprache
  • Schadenfreude


Offenes, direktes Kommunizieren, auch Streiten oder Argumentieren darf nicht mit Taktlosigkeit und Rücksichtslosigkeit gleichgesetzt werden.
Wie weiter? Die Konsumenten haben es in der Hand.
Die Inflation der 'Schlagabtausch - Talks' lässt letzlich die Frage offen: Ist diese fragwürdige zelebrierte Gesprächsunkultur ein echtes Abbild unserer Gesellschaft oder ist sie nur ein Zeichen der Hilflosigkeit von Programmschaffenden? Ein Hoffnungsschimmer bleibt immerhin: Wenn die erwähnten Sendungen zu einem unverständlichen Durcheinander ausarten, zappen möglicherweise die Zuschauer ebenso weg, wie bei den wirren Streitgesprächen, welche vor Jahren zuerst auch grosse Einschaltquoten aufwiesen: aber wieder aus dem Programm gekippt wurden, nachdem die Zuhörer dem Stimmengewirr nicht mehr folgen konnten. Die Konsumenten beeinflussten damit das Programm. Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass in einigen Sendegefässe versucht wird, den fragwürdigen Kommunikationsstil etwas zu verbessern. Welche Sendungen jedoch von all den genannten Anbietern Bestand haben werden, entscheiden letzlich immer die Konsumenten. Denn: Das Wegzappen wird von den Werbern viel rascher registriert, als angenommen wird. Tatsächlich hätten es somit die Zuseher und Zuschauer auch heute in der Hand, ob das Fernsehen langfristig den Weg von der fragwürdigen Gesprächsunkultur hin zur Gesprächskultur einschlägt.


Dieser Text ist in den Schaffhauser Nachrichten, im April 1999 erschienen. Dieser Beitrag wurde zudem in "Achtung Sendung" 5/99 publiziert





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