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Fördert Gigathlon die Teamfähigkeit?


von Marcus Knill


Eine Version dieses Artikels ist in der Kaderzeitschrift "Alpha" erschienen.

PDF Version des Artikels.

Linknachtrag 2005: Matthias knill: Durchhalten, Durchhalten, Durchhalten

Mannschaftssportarten und Teamfähigkeit

Es ist einleuchtend, dass sich Mannschaftssportarten wie Segeln, Rudern oder Bergsteigen positiv auf die Teamfähigkeit auswirken. Anderseits florieren kostspielige Outdoor-Seminare, bei denen Manager ihre soziale Kompetenz zu optimieren lernen. In speziellen Übungen müssen Teams Probleme lösen, sei es in einem Steinbruch, im Gebirge, in der Wüste oder auf einem Segelschiff. Gefragt sind ausgefallene Seminare mit Tiefseetauchen. Die Auswahl ist enorm gross, auch Jeepsafari-Events werden angeboten. Im Rahmen des verstärkten "Kosten - Nutzen - Denkens" sind Firmen bei der Bezahlung dieser teuren Anlässe zurückhaltender geworden. Vor allem, weil der Transfer in den Beruf nicht gut nachgewiesen werden kann und sich der Event in erster Linie "nur" für die Teilnehmenden (als Persönlichkeitsschulung) positiv auswirkt. Falls nun mit der Ausübung einer Teamsportart die Teamfähigkeit im Beruf gezielter gefördert werden könnte, ist die Frage berechtigt:

Wäre die Ausübung einer Teamsportart nicht einfacher und kostengünstiger, als eine verhältnismässig kurze, teure Ausbildungssequenz in einem "Ausbildungslabor"?

Wir wissen, dass es im "Outdoor"- Segment seriöse Trainingsangebote gibt, unter kompetenter Leitung. Obschon die Anbieter konkrete Erfolge versprechen, müssen Firmen prüfen, ob bei allen Outdoor- Seminaren die Bilanz tatsächlich aufgeht. Wer Tausende von Franken in die Förderung der Teamfähigkeit investiert, darf mit konkreten nachhaltigen Auswirkungen auf die berufliche Tätigkeit rechnen. Wie bei allen anderen Ausbildungsangeboten stellen sich die Verantwortlichen bei diesen Veranstaltungen nachträglich die Gretchenfrage: Erfolgte tatsächlich ein positiver Transfer auf die Alltagssituation? Die spannendsten Seminare nützen nichts, wenn das Gelernte nicht umgesetzt wird oder nicht umgesetzt werden kann. Die Qualitätskontrolle bei der Weiterbildung wird deshalb heute in den meisten Betrieben gross geschrieben.


Gigathlon

Wir wollen in diesem Beitrag der Frage nachgehen, ob beispielsweise Gigathlon die Teamfähigkeit einer Führungspersönlichkeit positiv beeinflussen könnte.

Wie beeinflusst Gigathlon die Teamfähigkeit von Persönlichkeiten?

Gigathlon ist keine neue Team -Sportart. Es ist ein international geschütztes Veranstaltungskonzept, in welchem die 5 populären Sportarten
  • Schwimmen
  • Velofahren
  • Laufen
  • Inlineskating
  • Mountainbiking
zu einem Ausdauersport-Event verbunden werden. Im Gigathlon 2002 fand das ultrasportivste Ausdauerabenteuer statt. In sieben Tagen ging es rund um die Schweiz. Powerteams haben meist 5, bei den "7 Tage Gigathlon- Powerteams" gibt es 6 bis maximal 35 Mitglieder pro Team. Beim Gigathlon wird jedenfalls Teamarbeit gross geschrieben. Andere Mehrkampfsportarten (Triathlon, Quadrathlon) werden meist nur Einzelkämpfer bestritten. Der Teamgedanke steht weniger im Vordergrund.


Was sagen einzelne Athleten?

Ich erkundigte mich bei verschiedenen Gigathlon- Teammitgliedern, ob sie auch im Beruf von ihrer sportlichen Tätigkeit profitieren konnten:
  • Eine Gigathletin, die heute in einer Führungsposition arbeitet, versicherte mir, dass sich die Ausübung des Mannschaftsportes (Gigathletin in 2 er und 6 er Teams) für den Job eindeutig positiv ausgewirkt hat. Sie habe - dank der Teamsportart - ein überdurchschnittliches Aktivitäts- und Energiepotential entwickelt. Die Frage, ob aus ihrer Sicht der Gigathlon die Teamfähigkeit im Beruf merkbar verbessert habe, bejahte die Sportlerin, ohne wenn und aber. Sie könne heute viel besser mit ihren Ressourcen umgehen. Im Teamsport habe sie gelernt, die Kapazitäten zu planen. Das gelinge ihr nun in der Geschäftswelt (Bereich Medien) ebenfalls besser. Es falle ihr leichter, mit den Ressourcen effizienter umzugehen. Die Firma habe von der sportlichen Tätigkeit enorm profitiert. Die Sportlerin ist Schritt für Schritt weitergekommen und sitzt heute in der Geschäftsleitung.
  • Thomas Gasser, Gigathlet eines 5er Teams, wies auf andere Erkenntnisse hin. Er ist überzeugt, dass bei jedem Mitglied eines Teams Teamfähigkeit vorausgesetzt werden müsse. Beim eigenen Team mit zum Teil unbekannten Mitgliedern lohnte sich die Klärung der Kernfragen:
    • Was wollen wir?
    • Passen wir zusammen?
    In seinem Team wünschten alle ein gutes Erlebnis. Der Rang oder Sieg war sekundär. Diese Fragen gelten übrigens auch bei Arbeitsteams. Thomas Gasser wurde dank der Teamarbeit beim Gigathlon bewusst: Die Freude am Tun ist etwas sehr wichtiges. Obschon sich bei der Teamarbeit im Sport und im Beruf viele Erkenntnisse bestätigt hatten, erkannte er nicht nur die Bedeutung der Freude am Tun, sondern es festigte sich diese Erkenntnis zu einer Grunderkenntnis, das heisst der Freude am Job, am Arbeitsumfeld - auch wenn es nicht klappt oder wenn es Fehler gibt- bringt uns weiter. Diese Erfolgsformel wirkte sich für Thomas Gasser beim Transfer in den Alltag am nachhaltigsten aus.
  • Die Beiträge der Profisportlern, wie beispielsweise bei Thomas Frischknecht, konnte ich für diese Abklärung nicht verwenden, da bei allen Profisportlern kein Transfer in eine sportfremde Berufswelt nachgewiesen werden konnte. Dem positiven Einfluss von einer Sportart auf die andere wollten wir deshalb in diesem Beitrag nicht nachgehen. Thomas Fischknecht meinte: Teamfähigkeit ist eine wichtige Voraussetzung, die ein Sportler ohnehin mitbringen muss.
  • Brigitte Röllin-Küpfer, eine bekannte "Einzelkämpferin" im Gigathlon, sagte uns: "Meine eigene Erfahrung an solchen Veranstaltungen (Trans Swiss-Triathlon, Gigathlon): Unter den Teilnehmern und Teilnehmerinnen, welche die gesamte Strecke alleine machen, herrscht immer ein "Miteinander". Bei Schwächen muntert man sich gegenseitig auf, hilft sich mit Verpflegung aus, läuft oder fährt Teilstrecken gemeinsam. Man fühlt sich als Team, bei dem das Durchkommen im Vordergrund steht. Dies habe ich deutlich gespürt im Vergleich zu Kurztriathlon und auch zu "normalen" Ironman mit Rangliste." Auch Brigitte Röllin-Küpfer ist in ihrem Beruf als bewährte Teamplayerin bekannt. Wir sind überzeugt: Der Sport hat Einiges dazu mit beigetragen.
Wir haben erfahren, dass verschiedene Universitäten in Amerika - bei den Studierenden - grossen Wert darauf legen, dass sie Teamsportarten betreiben. Vermutlich erhoffen sie sich dadurch einen positiven Einfluss auf die künftige Tätigkeit. Unsere Befragungen haben bestätigt, dass auch bei anderen Teamsportlern (Ruderer, Segler, Bergsteiger) alle Sportlerinnen und Sportler davon überzeugt waren, dass sich der Teamsport positiv auf die Teamfähigkeit der Berufswelt ausgewirkt hatte.


Grundsätze

Bei der Teamentwicklung gibt es wichtige Grundsätze: Teamfähigkeit fördern, heisst konkret, mit Kritik umgehen können und folgende Gegensätze unter einen Hut bringen können (daran scheitern leider viele Teams):
  • Individuelle Identität versus Gruppenidentität
  • Macht des Einzelnen versus Macht des Teams
  • Bedürfnis nach Stabilität versus Bedürfnis nach Veränderung
  • Kräfte, die den Zusammenhalt versus Leistungserfüllung des Teams
Die Praxis bestätigt immer wieder, dass sich Teammitglieder mit der Zeit so gut mögen, dass sie sich gegenseitig schonen; aber auch, dass Einzelne sich zurücklehnen, weil sie mit dem Einsatz der anderen Teammitglieder rechnen, Aus unserer Sicht gibt es zwischen der Teamarbeit im Beruf und bei Teamsportarten gewisse Unterschiede, die beachtet werden müssen. Gute Arbeitsteams bestehen aus unterschiedlichsten Typen, z.B. einem Informatiker, der den Sitzungen fernbleiben kann, einem Querdenker oder einem genauen Buchhalter. Beim Gigathlonsport setzen jedoch alle Teams voraus, dass die einzelnen Teilnehmer sportlich auf der Höhe sind. Trotzdem werden wesentliche Grundlagen der Teamarbeit bei der Ausübung des Sportes erworben. Nicht jede Kaderpersönlichkeit ist sportbegabt und kann somit dank einer sportlichen Tätigkeit die eigene Teamfähigkeit optimieren. Wir gingen davon aus, dass die Gigathleten nur im Training wie auch im Wettkampf teamfähig sein müssen. Wir waren erstaunt, dass sich nach Aussage der Sportler die Teamarbeit offensichtlich positiv auf ihre Berufsarbeit ausgewirkt hat.


Erkenntnis:

Die Aussagen in den Interviews mit einzelnen Gigathleten waren eindeutig: Der Teamsport beeinflusst die Teamfähigkeit auch ausserhalb der Sportwelt. Weshalb nicht vermehrt Kaderleute zu Teamsportarten animieren? Wenngleich sich nicht alle Führungskräfte für den Gigathlonsport eigenen, so dürfen wir dennoch davon ausgehen, dass sich der Transfer der Erkenntnisse auch aus anderen Teamsportarten auf die Berufstätigkeit möglich ist.


Übrigens:

Die reichbefrachtete Liste an Büchern zur Förderung der Teamfähigkeit und die zahlreichen Fachartikel im ALPHA, die bis anhin über die Teamarbeit in Job veröffentlicht wurden, veranschaulichen uns, dass nach der Ueberbewertung der solitären "ICHlinge" und den Tendenzen zur Egomanie ein Kontrapunkt notwendig war. Wir finden jedoch: Beides ist wichtig. Die sinnvolle Ich- bezogenheit (das "Zu sich stehen"), wie auch die Fähigkeit des Sich Einbinden können in ein Team. Bei Kommunikationsprozessen geht es immer um das Finden der Balance zwischen Extremen.


Weiterführende Literatur:

Kristian Kunert/Marcus Knill, Team und Kommunikation (Theorie und Praxis) ISBN 3-7941-4791-X Siehe das Kapitel: Vor- und Nachteile des Teams

Auf der Webseite www.rhetorik.ch finden Sie eine Fülle vertiefender Beiträge der Medienrhetorik. Am einfachsten ist die Navigation über den Menüplan im "Inhaltsverzeichnis".


Marcus Knill, Kommunikationsberater und Medienpädagoge (www.knill.com) erteilt Hochchuldidaktikseminare, hospitiert Dozenten, coacht Führungskräfte, Spitzensportler, Bezirksanwälte, Lehrkräfte und wird für vertrauliche Supervisionen (Spitäler, Geschäftsleitungen usw.) zugezogen. Er ist Autor von Fachbüchern und Fachartikeln. Spezialgebiete: Medienrhetorik und Krisenkommunikation.

Knill coachte im Auftrag von "Swiss olympic" viele Spitzensportler für die Olympiaden in Nagano, Atlanta, Salt Lake City, Sidney und Athen im Umgang mit Medien.


Mai, 2004




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