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Meinungsforscher als Meinungsmacher?


von Marcus Knill


Die Sonntagsfrage
"Wem würden Sie ihre Stimme geben, wenn am Sonntag Wahltag wäre"
ist ein wichtiges Instrument zur Meinungsmache. Vor Wahlen werden jede Woche ein paar Tausend Wahlberechtigte von verschiedenen Instituten gefragt. Aus diesen Daten werden dann Wahlprognosen erstellt, die dann veröffentlicht wiederum - mittels "Band-Waggon-Effekt" - die Wähler beeinflussen. Je nach politischer Ausrichtung interpretieren die verschiedenen Institute die Daten auch unterschiedlich. Im vergangenen Wahlkampf in Deutschland hat sich herausgestellt, dass ein Beobachter, der alle Prognosen abrufen kann und die Fehlertoleranzen kennt, ein relativ gutes Bild erhält. Andere Beispiele, wie Landtagswahlen haben aber auch gezeigt, dass die Meinungsfrager auch auf die Nase fallen können.

Wie nie zuvor haben sich in Deutschland anlässlich der Bundestagswahl so viele führende Politiker an Umfragergebnissen orientiert.
Selbst Bundeskanzler Schröder nahm Rücksicht auf die von den Demoskopen ermittelte Volksmeinung. Aber auch Kanzlerkandidat Stoiber starrte gebannt auf die Weisheiten der Demoskopen.
Stoiber liess sich sogar bei der Irak-Politik von der Haltung Schröders beeinflussen. Um nicht zusehr Gegenposition zu Schröder beziehen zu müssen, äusserte er in einem RTL interview, dass er bei einem Alleingang der USA gegen Irak keine deutschen Basen zur Verfügung stellen würde. Dies ware ein Meinungsänderung seit dem zweiten TV Duell, die selbst in den eigenen Reihen Verwunderung auslöste. Die Aussage war vielleicht mit Blick auf die Volksmeinung gemacht worden: Umfragen bestätigten nämlich, dass die Aussage Schröders "Unter mir ziehen keine deutschen Soldaten in einen Krieg!" (auch nicht bei einem UNO Beschluss), bei vielen Bürgern gut angekommen ist.


Meinungsmacher kennen den "Band-Waggon-Effekt"

Umfrageergebnisse wirken wie eine Droge. Die Wahlkampfmanager haben keine Skrupel, mit den Zahlen Politik zu machen. Liegt eine Partei in Umfragen vorn, setzen die Politiker auf den sogenannten "Band-Waggon-Effekt": Man läuft dahin, wo die Musik am lautesten spielt.
Psychologen kennen dieses Phänomen. Es ist einfacher, mit den Wölfen zu heulen. Man kann im Alltag immer wieder feststellen, dass zahlreiche Menschen ihre Meinung nur deshalb wechseln, um zu den Siegern zu gehören.
Dieses Phänomen wird an vielen offenen Abstimmung wie Gemeindeversammlung oder Landsgemeinden beobachtet. Dort ist ersichtlich, dass ein Vorschlag, der von einer Mehrheit akzeptiert wird (z.B. durch Händemehr), zahlreiche Mitläufer nachträglich ebenfalls noch die Hände in die Höhe recken lässt.
Bei Umfragen werden vor allem Unentschlossene oder Wechselwähler durch die Zahlen der Meinungsforscher beeinflusst. Es findet ein Sog zur vermeintlich stärkeren Truppe statt.


Parteien und Meinungsinstitute

"Zwischen dem, was wir an Rohergebnissen erhalten und dem, was wir als Prognose veröffentlichen, liegt manchmal eine Differenz von zehn oder elf Prozent."

-- E.H. Noelle-Neumann, 1987


Leider sind die meisten Meinungsforscher nicht neutral. Die Allensbach-Gründerin Elisabeth Noelle-Neumann machte nie ein Hehl daraus, dass sie eine Vorliebe für die CDU hat. Manfred Güllers Forsa- Institut gilt als SPD nah und kanzlertreu.
Emnid und die Forschungsgruppe Wahlen werden dem konservativen Lager zugeordnet, Infratest-dimap wiederum den Linken Parteien.
Da die Institute mit ihren Zahlen die Wähler beeinflussen können, dürfen beispielsweise in Frankreich die Umfrageergebnisse eine Woche vor der Wahl nicht mehr veröffentlicht werden.
Bei uns könnte in der offenen Mediengesellschaft diese Spielregel aus Presse- und Meinungsfreiheitsgründen nicht durchgesetzt werden.
Wenn jede Partei mit ihren eigenen Umfragen operiert, dann heben sich die parteiischen Umfragen gegenseitig wieder auf. Wichtig ist nur, dass alle Prognosen veröffentlicht werden.


Wie gross ist die Treffsicherheit der Meinungsforscher?

Im September 2002 haben die Umfragen in Schweden vor der Wahl gezeigt, dass es mit der Treffsicherheit gar nicht so weit her war. Die Demoskopen prognostizierten Ministerpräsident Göran Person zuerst grosse Verluste, später ein knappes Ergebnis. Tatsächlich aber bauten die Sozialdemokraten entgegen frühen Vorhersagen ihren Vorsprung aus.
Quelle der Grafiken: Andreas Hahn.

1989 hatten sogar vier von fünf Instituten die Verluste der CDU/CSU nicht vorhergesehen. Sie prognostizierten ein "Kopf an Kopf" Rennen. Bekanntlich trat das Gegenteil ein.
Allensbach zehrt immer noch vom Ruhm, 1998 die Wahlniederlage von Kohl exakt vorausgesagt zu haben.
Warum werden die Umfragen so ernst genommen, obwohl die Prognosen meist falsch sind? Der Ruf der Meinungsforscher ist nach Fritz Ulmer, Mathematiker an der Universität Wuppertal nur deshalb nicht angeschlagen, weil die Leute nach dem Wahltag wieder vergessen, was ihnen vorher prophezeit worden war.


Kritik an der Demoskopie

"Wahlprognosen sind keine Orientierungshilfe, sondern Täuschung. Umfrageergebnisse werden systematisch abgeändert."

-- F. Ulmer


Ein scharfer Kritiker der persönlichen Befragungen ist Fritz Ulmer. Er brandmarkt die Wahlprognosen als "Wählertäuschung". Für ihn sind vor allem telefonisch durchgeführte Umfragen eine Lotterie. Ihr Ergebnis hängt weitgehend von der Auslosung der Nummern ab. Jedes Mal gibt es neue Nummern. Dies führt zwangsläufig zu anderen Ergebnissen. (Beispiele von Fehlprognosen finden sich hier).
Bei 1250 Befragten (und einer Beteiligung von 80%) beträgt die Fehlermarge 6 Prozent. Es leuchtet ein, dass eine grössere Zahl von Befragten weniger Ausschläge gibt. Eine grosse Fallzahl kostet jedoch mehr Geld. Deshalb tendieren die Institute, ihre Interviewzahl möglichst tief zu halten.
Der Pressesprecher des Allensbacher Institutes, Edgar Piel, weist diese Kritik zurück. Die Rohdaten würden nach geheimen Formeln geglättet. Damit komme es weniger zu Verzerrungen.
Was Laien leider selten wissen: Ob "geschönt" oder "gewichtet": Umfragen stützen sich immer auf Erfahrungswerte der Vergangenheit. Bei den letzten Bundestagswahlen hat zum Beispiel kein Institut die Grünen vor der FDP gesehen.

Bundestagswahl 22.9.2002 (Tabelle von www.wahlprognosen-info.de)
CDU/CSUSPDGrüneFDPPDSInstitut Datum
37 40 7 7,5 4,5

Forschungsgruppe Wahlen

13.9.02

36 38,5 8 8,5 4,7

Infratest-dimap

13.9.02

37 39 7 8 5

Emnid

16.9.02

37,5

39

7

7,5

4,3

Forsa

20.9.02

37 37,5 7,5 9,5 4,5

Allensbach

21.9.02

38,5

38,5

8,6

7,4

4,0

Wahlergebnis

22.9.02



Datum
CDU/CSU SPD Grüne FDP PDS
Institut Befragte

21.09.2002
37   37.5   7.5   9.5   4.5  
Allensbach -
20.09.2002
37.5   39   7   7.5   4.25  
Forsa 2021
18.09.2002
38   40   7   8   4  
Forsa 3006
17.09.2002
37.3   37.0   7.2   10.1   4.4  
Allensbach 2000
16.09.2002
37   39   7   8   5  
Emnid 3518
13.9.2002
37   40   7   7.5   4.5  
Wahlen 1326
13.9.2002
36   38.5   8   8.5   4.7  
Infratest-dimap 2000
13.9.2002
38   40   7   8   4  
Forsa -
11.9.2002
38   38   8   9   5  
Forsa 3022
11.9.2002
37.0   37.0   7.3   10.1   4.9  
Allensbach 2000
10.9.2002
38   38   7   8   4  
Emnid -
9.9.2002
38   39   7.5   8.5   4  
Infratest-dimap 1000
8.9.2002
38.2   35.2   7.2   11.2   4.9  
Allensbach -
6.9.2002
39.5   38   8.5   7.5   4  
Infratest-dimap 2324
6.9.2002
38   38   7   8   4  
Wahlen 1476
5.9.2002
39   37   6   8   5  
Emnid -
4.9.2002
40   39   7   8   4  
Infratest 1000
4.9.2002
39.1   34.2   7.0   11.6   4.9  
Allensbach -
4.9.2002
39   39   7   8   4  
Forsa 3002
30.8.2002
41   39   7   7   4  
Infratest-dimap 1000
30.8.2002
39   38   7   8   4  
Wahlen 1254
28.8.2002
40.1   32.9   6.5   11.6   5.1  
Allensbach -
28.8.2002
40   38   7   8   5  
Forsa 3001
28.8.2002
40   37   6   9   4  
Emnid 1301
25.8.2002
39.8   32.8   6.6   11.7   5.0  
Allensbach -
24.8.2002
40   34   6   9   5  
Emnid 1568
23.8.2002
41   36   7   8   4  
Infratest-dimap 1.000
23.8.2002
39   38   7   9   4  
Wahlen 1292
23.8.2002
40   38   7   8   5  
Forsa 2016
23.8.2002
39   36   7   9   5  
Emnid -
22.8.2002
40   34   6   9   6  
Emnid 1568
21.8.2002
39.7   31.9   6.7   12.8   5.6  
Allensbach -
21.8.2002
41   34   6   9   5  
Emnid -
17.8.2002
40   36   7   8   5  
Forsa 1508
16.8.2002
40   34   7   10   5  
Infratest-dimap -
16.8.2002
41   36   7   9   4  
Wahlen 1068
15.8.2002
40   34   7   10   5  
Emnid 2163
14.8.2002
39.7   33.0   6.2   12.5   5.6  
Allensbach -
14.8.2002
41   35   6   10   4  
Forsa 3008
12.8.2002
41   34   6   9   5  
Emnid -
9.8.2002
41   34   7   9   5  
Infratest-dimap 1000
9.8.2002
41   36   6   9   5  
Wahlen 1106
8.8.2002
41   36   6   9   4  
Forsa -
8.8.2002
41   34   7   9   4  
Emnid -
7.8.2002
42   35   6   9   5  
Forsa 3005
2.8.2002
38.8   34.2   6.9   12.1   5.6  
Allensbach -
2.8.2002
40   35   7   9   5  
Infratest-dimap 1821
2.8.2002
40   34   7   8   6  
Emnid 2284
1.8.2002
43   34   6   9   5  
Forsa -
31.7.2002
42   35   6   9   5  
Forsa 2002
30.7.2002
40   34   7   8   6  
Emnid -
26.7.2002
41   35   7   9   5  
Infratest-dimap 1100
26.7.2002
41   36   6   9   5  
Wahlen 1262
25.7.2002
42   35   6   9   6  
Forsa -
25.7.2002
39   34   7   9   6  
Emnid -
17.7.2002
40   37   6   8   5  
Forsa 3006
12.7.2002
40   37   6   8   5  
Wahlen 1031
11.7.2002
40   35   6   9   6  
Infratest-dimap 1100
11.7.2002
40   35   6   9   5  
Emnid -
10.7.2002
39   36   7   8   6  
Forsa 3007
5.7.2002
40   36   6   9   6  
Infratest-dimap 1300
4.7.2002
39   35   6   9   6  
Emnid 1302
3.7.2002
38.3   33.4   6.9   13.1   5.7  
Allensbach -
2.7.2002
39   36   6   9   6  
Forsa 3004
1.7.2002
39   35   6   10   5  
Emnid -
28.6.2002
39   36   7   9   5  
Wahlen 1281
27.6.2002
39   36   6   10   6  
Infratest-dimap 550
26.6.2002
41   35   6   9   5  
Forsa 2503
25.5.2002
40   34   6   9   6  
Enmid -
21.6.2002
39   36   7   10   6  
Infratest-dimap 1100
14.6.2002
39   35   7   10   5  
Wahlen 1018
12.6.2002
39.0   32.2   7.1   12.4   6.2  
Allensbach -
Datenquelle: ww.wahlprognosen-info.de


Links und Quellen:



  • NZZ Beitrag vom 22.9.2002: "Die Verlockung der Sonntagsfrage".
  • NZZ Artikel vom 14.9.2002" "Die Sonntagsfrage - am Montag danach".


28. September, 2002




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