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Medienopfer


von Marcus Knill


Medienopfer gibt es in vielen Variationen. Beispielsweise sind es Leute, die
  • Opfer einer Medienkampagne geworden sind,
  • unschuldig in den Medien eines Verbrechens beschuldigt worden sind,
  • sich durch Mediengeilheit in einer Fernsehsendung entblösst haben,
  • durch Prominenz oder medienriskanten Verhalten in einen Medienstrudel geraten,
  • deren Trauer, Unglück oder Prominenz ungefragt gefilmt oder photographiert werden.


Das Spektrum der möglichen Opfer und deren Verhalten ist breit. Es gibt Fälle mit Happy End, wie auch tragischere Beispiele, wo die Opfer ihren Job verloren haben. Manchmal kann das Hineinrutschen durch das ungeschicktes Verhalten der Opfer vor der Geschichte erklärt werden, in anderen Fällen wurde auch Kritik an der Ethik des heutigen Journalismus laut.


Neu: Artikel Achtung Sendung" vom 4/2005



Medienopfer

Vor drei Jahren brachte der Psychiater und Uni Zürich Dozent Mario Gmür den Begriff "Medienopfersyndrom" in die medienkritische Debatte ein. Er bezeichnete damit psychopathologische Erscheinungen bei Menschen, die Opfer einer aggressiven Publizistik geworden waren. Als Arzt ging es Gmür nicht um die Frage, ob es auch ein öffentliches Interesse an Berichten geben kann, die ein Fehlverhalten von Personen aufdecken.
Der Themenkreis der Medienskandalierung, des Medienmobbings oder der Mediengeilheit und der damit verbundenen Krisenkommunikation hat uns in der Vergangenheit mehrmals beschäftigt:



In den Medien wurde die Thematik Medienopfer bisher eher beiläufig erwähnt. Vor zwei Jahren zeigte zwar ein "Facts"-Artikel, wie deutsche Privatsender gnadenlos eine beliebige Bürgerin in die Öffentlichkeit zerrten und sie der Belustigung des Publikums preisgaben. Bei Sendungen, in denen Personen blossgestellt werden, kann es sein, dass sich die betroffenen Menschen gar nicht bewusst sind, was für Folgen das "Oeffentlich-an-den-Pranger-gestellt werden" haben kann.


Beispiele

Die folgenden Beispiele zeigen ein weites Spektrum von Medienopfern. Es geht bei keinem der Beispiele um die Frage, ob die Opfer selbstverschuldet in den Schlamassel gekommen sind oder nicht oder ob Naivität, ein medienriskanter Lebensstil, Mediengeilheit oder Prominenz die Opfer in den Medienstrudel geworfen haben.

Berichte über Seitensprünge des ehemaligen Schweizer Botschafters Thomas Borer führte zu einem längeren Medienwirbel. Die Geschichte kostete Borer den Botschafterposten, hatte aber auch medienpolitische Auswirkungen. Auf der einen Seite wurde argumentiert, dass die exhibitionistische Lebensweise Borers und seiner Frau diesen Skandal provoziert haben. Es wurden aber auch Stimmen laut, die das Verhalten der Boulevardpresse in diesem Fall kritisierte.
Vorwürfe gegen die ehemalige Zürcher Kriminalpolizei Chefin Silvia Steiner kostete ihren Job, obwohl die nachträgliche Administrativuntersuchung der Kriop Chefin korrektes Verhalten bescheinigt hatte.
Der ehemalige Deutsche Verteidigungsminister Rudolf Scharping musste nach einer längeren Mediengeschichte zurücktreten. Die Sache hatte mit Badephotos begonnen. Das Fass zum Überlaufen brachten verbotene Honorarzahlungen an eine PR-Agentur.
Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder musste zwei mal Medienkampagnen gerichtlich abblocken. In einer Bagatellsache, in der es um die Frage ging, ob er die Haare färbe, und in einer Fall, wo Gerüchte um Eheprobleme herumgeboten wurden.
Der Bündner FDP Regierungsrat Peter Aliesch fand sich im Jahre 2001 Bestechungsvorwürfen ausgesetzt. Das Strafverfahren gegen Regierungsrat Peter Aliesch wurde schlussendlich eingestellt und die massiven Vorwürfe wurden grösstenteils entkräftet.
Der Dirigent und Komponist Gotthilf Fischer fühlte sich zwei mal von den Medien betrogen. Peinliche Auftritte in Fernsehsendungen (das Wiegen seines besten Stücks oder das Aufhängen als Engel im Kran ärgerten Fischer im Nachhinein enorm).
FIFA Chef Joseph Blatter war vor seiner Wahl im im Mai 2002 für längere Zeit Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. Nach rhetorisch spannenden Monaten wurden die Betrugsvorwürfe nach der Wiederwahl Blatters schliesslich zurückgezogen.
Der Bomber von den 1996 olympischen Spielen in Atlanta wurde nie gefasst. Eric Robert Rudolph, der Hauptverdächtige ist seit Jahren flüchtig. Kurz nach dem Anschlag fiel der Verdacht auf Richard Jewell, ein 33 Jahre alter Sicherheitsbeamte in Atlanta. Bilder des Unschuldigen kamen im Fernseher, seine Wohnung wurde von Journalisten belagert. Für 88 Tage war Jewell ein unschuldiger Angeklagter.
Im Jahre 1997 verunglückte Diana im Auto während einer Flucht am 31. August vor Paparazzis. Drei Photographen, die Bilder vom Unglück gemacht hatten, wurde in Frankriech später der Prozess gemacht. Sie wurden jedoch von fahrlässiger Tötung freigesprochen, da sie zu weit vom Auto Dianas entfernt gewesen seien als der Unfall passiert war.


Opfer oft ahnungslos

Leider kennen nur die Wenigsten die Wahrnehmungsphänomene beim Medienkonsum. Ahnungslos geben sie ihr Einverständnis für eine Ausstrahlung, weil sie glauben - dank der Medienpräsenz - öffentliche Resonanz zu finden. Sie hoffen, persönliche Probleme oder ein Missstand werde dank der ausgestrahlten Sendung endlich ernst genommen. Dass sich die ganze Sache kontraproduktiv auswirken kann, ist den Wenigsten bewusst.
Ferner gibt es noch jene Menschen, die sich durch die Medienpräsenz Popularität versprechen oder an die Chance glauben, als Star entdeckt zu werden oder von der Publizität sonstwie profitieren zu können. (Siehe dazu die Big Brother Nachlese ).
Auch gibt es Egozentriker, die jede Möglichkeit nutzen, zu einem Medienauftritt zu kommen. Sie offenbaren ungefiltert Intimstes und Gebrechen. Sie haben keinerlei Bedenken, sich vor Mikrofon und Kamera blossstellen zu lassen. Mediengeilheit macht blind.
Bei der "versteckten Kamera" gibt es nach den peinlichen Szenen nur Wenige, die eine Ausstrahlung ablehnen. Die einmalige Gelegenheit, wenigstens einmal auf dem Bildschirm präsent zu sein - wer möchte sie schon ausschlagen? Die öffentliche Zurschaustellung lächerlicher Szenen wird grosszügig in Kauf genommen.
Als Selbstschutzbehauptung folgt nachträglich eine Rechtfertigung, wie: "Ich bin eben offen und stehe zu meinen Fehlern." Es gibt aber auch noch jene Menschen, die unfreiwillig an den Pranger gestellt werden. Der Berufspöbler Stefan Raab von Pro Sieben geht besonders dreist vor. Das Niveau seines Zynismus hat bei weitem nicht das Niveau wie die Pointen eines Harald Schmidts.


Tücken der hautnahen Berichterstattung

Es gibt Journalisten, die scheinen den Ehrenkodex nie gelesen zu haben. Der Basler Journalist Rolf von Siebenthal veröffentlichte jüngst ein Buch mit dem reisserischen Titel: "Gute Geschäfte mit dem Tod". Es geht ihm darin vor allem um das Verhalten der Medien gegenüber Katastrophenopfern. Der Autor geht nicht auf das Gaga-TV ein, sondern veranschaulicht die Thematik am Beispiel von Tragödien, wie Luxor, Gondo, Zug und New York.
Von Siebenthal behandelt die Tücken der hautnahen Berichterstattung. und lässt Opfer, Trauma-Experten, Journalisten und Redakteure zu Wort kommen. Von Siebenthal verzichtet auf die üblichen Anklagen. Er fragt sich, wie sich Journalisten in Ausnahmesituationen verhalten sollen. Ihn interessiert zudem die Frage: Wie sollen bei Katastrophen Opfer interviewt werden?
Marco Färber, Chefredaktor von Schweizer Fernsehen DRS äusserte sich skeptisch zu Live-Berichten. Er meint dazu:


"Das permanente Dabeisein betrachte ich nicht als unsere Aufgabe. Wichtiger sei es, die Ereignisse in ihren Zusammenhang zu stellen."

Ein amerikanischer Wissenschaftler empfiehlt, bei Live- Übertragungen eine "Verzögerung von einigen Sekunden" einzubauen, um die Möglichkeit zu haben, eine Übertragung abzubrechen. Journalisten sind sich Ihrer Verantwortung oft gar bewusst oder reagieren empfindlich, wenn man sie kritisiert.


Sind Journalisten zu empfindlich?

In einem Kapitel des Buches "Team und Kommunikation" setzten wir uns eingehender mit dem Thema Umgang mit schwierigen Menschen auseinander. Wir kamen dabei zum Schluss, dass viele Individuen ausgerechnet mit jenen Menschen Probleme haben, die ähnliche Verhaltensweisen haben, wie sie selbst. Beispiele:
  • Vielredner wie Berufssprecher, Theologen, Kommunikationsberater usw. haben Mühe im Umgang mit "Vielrednern".
  • Lehrer, die dauernd korrigieren und im Klassenzimmer stets beweisen müssen, dass sie viel wissen, haben oft Probleme im Umgang mit "Besserwissern".
  • Journalisten müssen viel kritisieren. Sie sind oft gezwungen, Leute blosszustellen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn sie als Berufskritiker die Kritik an der eigenen Arbeit nicht immer schätzen. Sie können empfindlich reagieren, wenn ihr Verhalten im Umgang mit Opfern beanstandet wird.
Natürlich darf diese empirische Erfahrung nicht verallgemeinert werden. Trotzdem würde es sich lohnen, wenn Journalisten ihre Empfindlichkeit der Kritik gegenüber auch auf ihre Arbeit übertragen könnten. Zum Teil ist das auch passiert. Die Erfahrung von Medienopfern machen, sollte der Journalist in der Ausbildung in Übungen selbst einmal machen. Selbstwahrnehmung hat immer positive Auswirkungen auf die eigene Tätigkeit.

Der amerikanische Journalist Jim Concannon vom "Boston Globe" sagte kürzlich einmal:


"Sollte nicht ein ethischer Standard im Journalismus existieren, den wir alle befolgen sollten und der vielleicht vor 15 Jahren noch existierte? Ja. Existiert er heute? Nein. Ob ich das für richtig halte? Nein. Aber so ist es nun eben."



Literatur zum Thema



  • Rolf von Siebenthal: Gute Geschäfte mit dem Tod. Wie die Medien mit den Opfern umgehen. Opinio Verlag, Basel 2003
  • Mario Gmür: Der öffentliche Mensch, Medienstars und Medienopfer DTV, 2002




8. März, 2003





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