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www.rhetorik.ch aktuell: (28. November, 2003)

Überraschende Medieninszenierung



Bush's Besuch von 600 Truppenmitgliedern auf dem Flughafen von Baghdad im Irak zur "Thanksgiving Zeit" war ein überraschender PR Coup. Der Plan war aus Sicherheitsgründen geheim geblieben. Selbst die Mutter von Bush war nicht informiert worden. Die Inszenierung gelang. Erst auf dem Rückflug erfolgte die Information an die Öffentlichkeit. Selbst Kritiker zogen den Hut vor dieser perfekten Medienshow.
(Vergleiche dazu auch Komponierte Medienauftritte.
Bush, der im eigenen Land vermehrt den Vorwurf hört, er sei persönlich nie an einer Beerdigung von gefallenen US-Sodaten dabei gewesen, weiss, dass ihm vor den Wahlen ein kalter Wind entgegen bläst. Es wurden keine Massenvernichtungsmittel im Irak gefunden. Auch die steigende Zahl von US Marines im Irak werden zum Handicap: 434 Soldaten sind im Irak gestorben, davon 294 nach offiziellem Kriegsende.
Nun sah das Amerikanische Publikum auf den Frontseiten der Zeitungen ihren Präsidenten, wie er in salopper Kleidung den gebratenen Truthahn serviert. Bush kann damit rechnen, dass diese Geschichte seine Wahl positiv mitbeeinflussen wird. Die Bilder haben ähnliche Bedeutung wie
  • Bush mit Megafon auf den Trümmern in New York, am 14. September 2001, oder
  • Bush im Fliegerdress auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln am 1. May 2003
Die Rede vor der Truppe signalisierte Stärke und Entschlossenheit. Bush sprach adressatengerecht, geisselte den Erzfeind "Terrorismus", dankte den Soldaten für ihren Dienst und posierte für die Fotographen. Nach 2 Stunden in Baghdad flog Bush in seine Texanische Ranch zurück. Thanksgiving ist in den USA ein wichtiger Feiertag an dem Familien selbst von weither zusammenkommen.


Bush fühlte sich in Bagdad sichtlich wohler als im Königlichen Palast in England, eine Woche davor.


Bushs Planer wusste natürlich, dass Hillary Clinton zu dieser Zeit auch nach Irak geht und wollten ihr zuvorkommen. Tatsächlich wurde Clintons Besuch in Irak am Freitag kaum noch beachtet. Clinten hatte vorher auch Afghanistan besucht. Auch andere Demokraten wurden vom Coup überrumpelt. Demokratische Präsidentschaftskandidaten wie John Kerry mussten unwillig zugeben, dass der Besuch eine gute Sache sei.


Bushs Besuch war der erste eines US Präsidenten in Irak. Die Reporter, die mit ihm gereist sind, waren gewarnt worden, dass bei einem Informationsleck der Besuch abgesagt würde. Bush wurde wenig für die Desinformation kritisiert, denn der Presse war vorher gesagt worden, Bush werde das Thanksgiving Essen auf seiner Ranch in Texas einnehmen. Ein pensionierte Armee General meinte, dass der Besuch die Moral der Truppen im Irak erhöhen würde.
Die Visite im Irak verbindet Bush noch stärker mit der Situation im Irak. Rich Bond, ein Republikaner: "Er erhöhte den Einsatz, wenn man Poker spielt und herausgefordert wird, ist die Erhöhung des Einsatzes eine gute Abwehrmethode". Der Historiker vom Präsidenten, Douglas Brinkley, sagte im Sender CNN, dass die Reise ein perfekt ausgeplante Sache sei der "einer der grossen Momente in seiner Biographie sein würde."


Es wurde auch bekannt, dass der Besuch für Wochen geplant worden war. Bush hatte das Haus heimlich verlassen, mit ungekennzeichtem Privatwagen die Ranch verlassen und war zum Flughafen gefahren. Im Auto habe Bush mit Reportern telefoniert und ihen Details zum Familienessen aufgetischt: es gäbe Truthahn mit Kartoffelstock und Nusskuchen. Die Besatzung der AirForce 1 trug schusssichere Westen. Reporter mussten im Flugzeug die Batterien aus den Handies nehmen, um nicht geortet werden zu können und wahrscheinlich auch, um nichts auszuplaudern. Die Klappen vor den Fenstern wurden runtergelassen. Die Maschine landete ohne Licht auf dem Baghdader Flughafen. Auch die Fluglotsen wussten nicht, dass Bush im Flugzeug sei. Vom Banner-Fiasko auf dem Flugzeugträger ("Mission accomplished", "Mission erfüllt") war gelernt worden: Bushs Gesicht trug auch nicht mehr die prahlerischen Züge auf der Flugzeuglandung. Nach nur 30 Stunden war Bush wieder zurück in seiner Crawford Ranch, zufrieden mit seinem gelungenen PR Stunt.


Kriegsbesuche von US Präsidenten (Text quelle: Washington Post)
Eisenhower 1952 1952: Dwight D. Eisenhower besucht die Koreanischen Frontlinien im Dezember.
Johnson 1966 1966 und 1967: Lyndon B. Johnson besuchte zweimal Truppen in Vietnam am U.S. Militärposten in Cam Ranh Bay.
Nixon 1969 1969: Richard M. Nixon besucht Truppen in Dian, 20 Kilometer südlich vom damaligen Saigon.
Bush 1990 1990: George H.W. Bush besucht U.S. Truppen in der Wüste von Saudi Arabien an "Thanksgiving Day".
Clinton 1999 1999: Bill Clinton spricht zu Kosovo Flüchtligen und NATO Militärpersonal in Macedonien. Im Dezember spricht Clinton zu Albanern und tifft an Thanksgiving U.S. Truppen in Kosovo.
Bush 2003 2003: George Bush macht einen "Thanksgiving" Besuch mit U.S. Soldaten im Baghdad Flughafen.


Nachtrag vom 1. Dezember: Eine Episode des PR Stunts gab noch zu Reden. Eine spannende Minute während des Fluges war ein Funkspruch: Ein Britisch Airways Pilot hatte die "Air Force One" von seinem Cockpit aus gesichtet und gefunkt: "Hatte ich nicht gerade Air Force One gesehen?". Die Antwort von "Air Force One" war "Gulfstream 5", der Name einer kleineren Maschine. Der verwirrte Pilot sollte nur gesagt haben "Oh". Nach diesem Zwischenfall wurde für eine Weile evaluiert, ob die Übung abgebrochen werden sollte.
Der Zwischenfall soll in Texas schon vermarktet worden sein und Ansteckpins mit dem Spruch "Hab ich nicht gerade Air Force One gesehen?" an Touristen verkauft worden sein.
Der Britisch Airways Pilot ist unbekannt. Ob er sich vor den Medienrummel scheut oder ob die Geschicht nur Legende ist?


Nachtrag vom 4. Dezember: Der Spiegel berichtet mit dem Titel "Bushs Truthahn war nur Deko", dass es sich beim Truthahn, der Bush herumgetragen hat, um eine Dekoration gehandelt hatte.

Das Weisse Haus verteidigte sich gegen Vorwürfe, es habe die Szene absichtlich arrangiert. Man habe von dem dekorativen Teller zuvor nichts gewusst, versicherten Beamte dem Reporter. Es sei üblich, die Kantine an Festtagen derart zu dekorieren.


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