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www.rhetorik.ch aktuell: (23. Mai 2003)

Big Brothers vierter Streich



Wir leben immer noch in der Zeit des Realitätsfernsehens. Die Sendung die "Big-Brother - The Battle" gehört zu diesem Genre. Vergleichen Sie dazu auch die Beiträge:





Das Ende der Geschmacks-Skala scheint immer noch nicht erreicht: Wer geglaubt hatte, die nachmittäglichen Talkshows seien das Allerschlimmste im deutschen Fernsehangebot, der wird mit der neuen, vierten Staffel des "Big-Brother-Modells" eines Besseren belehrt. Bereits bei der dritten Auflage machte das Publikum nicht mehr so richtig mit. Nun versucht der Münchner Sender RTL II auf bekanntem Terrain mit einer vierten Staffel dagegen zu steuern. Er suchte sich bei diesem Projekt als Medienpartner ein bekanntes deutsches Boulevardblatt aus. Neue Spielregeln sollen die Sendung publikumswirksamer machen. In der jüngsten Exibtionisten-Datscha wurde Einiges verändert oder verkompliziert:



  • Es gibt Arm- und Reich-Gruppen. Die einen leben primitiv, die anderen luxeriös.
  • Die Insassen müssen sich in "Battles" bekämpfen.
  • Die jeweiligen Gewinner dürfen sich telegen im Whirlpool aalen. während die Verlierer auf Strohballen nächtigen müssen.
  • "The battle" wird mit acht Personen gestartet.
  • Pro Woche kann das Publikum eine Person hinauswählen (zum Beispiel per Telefon).
  • Im Gegenzug ziehen dann jeweils zwei neue Kandidaten ein, bis dreizehn Teilnehmer erreicht sind.
  • Dann dürfen die Bewohner selbst ihre Mitbewohner für die Abwahl durch das Publikum benennen.
  • Die Nachzügler warten an einem geheimen Ort im Ausland auf ihren Einzug.


Neben der Show selbst können sich die Zuschauer als Voyeure einklinken:

  • 4 Mikrofone im Haus können 24 Stunden per Telefon abgehört werden (0.62 Euro pro Minute).
  • 3 Livecameras können per Internet angeklickt werden (1 Euro pro Stunde).




  • Wer die Containerbewohner beobachtet und sich, wie im Zoo, ausreichend Zeit nimmt, das Treiben mitzuverfolgen, stellt fest: Die Bewohner fühlen sich anscheinend wie zu Hause. "Nackt Nadja", die professionelle Stripperin aus Frankfurt, lässt routiniert den ausgeleierten BH-Träger rutschen, der inzwischen geschasste Ulf hat wie zu Hause Mühe, mit Messer und Gabel zu essen. Auch das Schmatzen beim Kauen tönt authentisch. Die Gründe, sich für das neue Experiment zu melden, sind zum Teil recht einleuchtend. Wir wissen bespielsweise von Gabrielle, die schon hinausgewählt wurde, dass sie ihren Führerschein für vier Wochen abgeben musste. Sie meinte: "Die Zeit musste ich irgendwie rumbringen."



    Trotz aller Banalitäten sind sich die Macher immer noch nicht bewusst, was für psychische Folgen diese Spiele für die Kandidaten vor der Kamera haben können. Da die Jugendlichen noch nicht wissen, dass das öffentliche Blossstellen, die Absturzphase und die unverarbeiteten heiklen Situationen ihr Selbstwertgefühl langfristig schädigen kann, darf sicherlich behauptet werden: Die Macher handeln auch bei diesem neuen Sendegefäss verantwortungslos. Die Rechtfertigung: Wer sich bei diesen Spielen exponiert und erniedrigen lässt ist selber schuld, ist für uns eine billige Selbstschutzbehauptung.

    Realitätsfernsehen in den USA
    Realitätsfernsehen in den USA wird oft in Europa nachkopiert. Zum Teil ist dort die Sache an Grenzen gestossen. Zum Beispiel, wenn Betroffene gerichtlich gegen die Organisatoren klagen. Zwei Beispiele in der "versteckten Kamera" Sparte, wo geklagt worden ist:
    • Das Ehepaar Ryan, die in ein Las Vegas Hotel eincheckten, wurden einer Leiche in der Badewanne konfrontiert und dann von der Polizei in Gewahrsam genommen. Alles mit versteckter Kamera gefilmt.
    • Philip Zelnick, der in Arizona ein Flugzeug besteigen wollte, wurde von einem Sicherheitsbeamten angewiesen, sich auf das X-Ray Förderband zu legen. Anschliessend wurde er durch die Maschine gefahren.
    Ob Klagen auch in der "Big Brother"-Sparte kommen werden, ist eher unwahrscheinlich, weil die Kandidaten freiwillig mitmachen und Abmachungen unterschreiben müssen.
    Aus dem Spiegel:
    In seiner Show "Elton-TV" hatte der ehemalige Raab-Lehrling Elton einen Beitrag gezeigt, in dem der Protagonist, ein pensionierter Architekt, auf die Schippe genommen wurde. Der Rentner war mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, als er von dem als Polizisten verkleideten Comedy-Künstler gestoppt wurde. Eine versteckte Kamera filmte, wie der falsche Gesetzeshüter den 78-Jährigen einer angeblichen Fahrtauglichkeitsprüfung unterzog.
    Der Mann musste erst links, dann rechtshändig radeln. Schließlich forderte der vermeintliche Polizist, der Mann solle freihändig fahren. Daraufhin erklärte Elton, nun sei eine Verwarnung fällig, da freihändiges Radfahren nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung verboten sei.
    Als der Anwalt des pensionierten Architekten mit einer Klage wegen Amtsanmaßung und Verletzung der Persönlichkeitsrechte drohte, hatten die Anwälte der TV-Produktionsfirma zunächst abgewunken und das Ganze als "lustige Aktion" dargestellt. Schließlich lenkte Elton aber doch ein, und bot dem Gefoppten 2500 Euro Schadenersatz, teilte das Kölner Amtsgericht mit. Der Rentner zog daraufhin die Klage zurück.


    Nachtrag vom 29. Februar, 2004. Nach "Bild" soll RTL 2 für die fünfte Staffel von "Big Brother" jede Menge schräge Typen angagiert haben. Einer kündigte für den Container-Einzug seinen Job, eine arbeitete zuletzt im Freudenhaus, einer jobbte schon als Stripper. Bild: "Und die meisten haben nur drei Dinge im Kopf: Sex, Sex und noch mal Sex." Die Kandidaten werden geködert, indem er nächste Container-Star 1 Mio Euro in bar erhalten soll. Die Kandidaten führen ein Leben in völlig verschiedenen Welten. Eine Gruppe wohnt im Armenhaus, eine andere im Luxustempel. Die Bereiche sind durch Eisengitter getrennt. Die "Armen" können den "Reichen" beim Plantschen im Pool oder beim Gourmetessen zwar zusehen, aber nicht mitmachen.




    Nachtrag vom 1. August, 2004: Kann der TV-Knast doch krank machen?

    Ständig sind die Container Bewohner unter Beobachtung. Dies belastet unbewusst. Ilkay hat den Druck der ständigen Beobachtung und der laufenden Kameras einfach nicht mehr ausgehalten. Wie das "Focus Magazin" berichtet ist "Big Brother"-Bewohnerin Ilkay ist nach sechs Wochen im TV-Container in die Psychiatrie eingewiesen worden. zu lesen. Was ist mit Ilkay passiert? Big Brother-Sprecherin Maren Mossig äusserte sich im "Bild": "Ilkay hat im Container vom Krebstod ihrer besten Freundin erfahren. Auf eigenen Wunsch besuchte sie dann die Beerdigung. Als sie danach ins Big Brother-Haus zurückkehrte, war sie völlig am Boden zerstört. Ilkay war zerstreut, lief wild umher und führte dauernd Selbstgespräche. Wir ließen Ilkay zunächst von unserem "Big Brother"-Psychologen betreuen. Gemeinsam entschieden Ilkay und der Psychologe dann, dass sie den TV-Container verlässt und sich in der Nervenklinik behandeln lässt." Nach Bild soll Ilkay vor ihrem Zusammenbruch eine Schönheitsoperation geplant haben und sich vom plastischen Chirurgen Dr. Axel Neuroth im Container über mögliche Korrekturen informieren.


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