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www.rhetorik.ch aktuell: (2. Juni, 2003)

Kampf um Agenda 2010


Am SPD-Sonderparteitag konnte Schröder mit 90 Prozent Zustimmung die Rückendeckung der SPD für sein Reform-Konzept "Agenda 2001" erhalten. Die Reaktionen sind gespalten. Der Spiegel: "Wohl selten zuvor bekam ein Parteichef in einer wichtigen Rede so wenig Zustimmung und Sympathie und am Ende doch bei den Abstimmungen so deutliche Mehrheiten."


Gerhard Schröder - von Journalisten gerne als "Medienkanzler" bezeichnet- bewies am Sonderparteitag in Berlin, dass er die Kunst der Rede vor allem dann beherrscht wenn es ernst gilt. Vor allem in schwierigen Situationen verhält er sich rhetorisch geschickt. In einer für seine Verhältnisse geradezu leidenschaftlichen Rede hatte er um Unterstützung geworben. Die Kernbotschaft war gewiss gut vorbereitet gewesen und die Emotionen nicht künstlich als Show vorgetragen. Schröder wusste: Jetzt geht es um "die Wurst". Obschon Schröder meist ein Könner allgemeiner, vager Formulierungen ist (siehe dazu Airbagrhetorik, Quasseln, Fussballrhetorik, argumentierte er in Berlin recht konkret und setzte gezielt seine Kernaussagen an passender Stelle:
  • Wer die Realität verdrängt, wird schliesslich von der Realität beiseite gedrängt.
  • Ohne die Kürzungen der Leistungen (auch bei der Arbeitslosen und Krankenversicherung) ist der Sozialstaat nicht finanzierbar.
Die Rede war zeitweise bittend, an anderen Stellen temperamentvoll (Quelle: ZDF Sendung)

Zucker undPeitsche


Redeauschnitte wiederholen


Uns fiel auf, dass Schröder bei dieser Rede nicht - wie leider bei anderen wichtigen Auftritten - mit Rücktritt drohte, sondern den Druck mit einem geschickten Vergleich aufbaute: Schröder erinnerte an das Schicksal des gestürzten Kanzlers Helmut Schmidt und die Regierungsunfähigkeit der SPD in den achtziger Jahren.
Gemäss den Erkenntnissen bei Verhandlungen hob Schröder in seiner Rede die Gemeinsamkeiten mit den Gewerkschaften hervor. Er begrüsste sogar eigens den am Parteitag anwesenden Vorsitzenden des Gewerkschaftsbundes, Sommer.

Kampf UngewissheitTriumpf


Fotoquelle: Spiegel


Reaktionen

"Der Leidensdruck war spürbar", sagte Günter Zienterra, Seminarleiter des Instituts für Rhetorik und Kommunikation in Bornheim bei Bonn. Die Delegierten hätten einen Parteivorsitzenden "auf der verzweifelten Suche nach Zustimmung" erlebt. Die Rede bezeichnete Zienterra als "verkrampft und unsicher", als einen "Hilferuf", eine Rede für die Köpfe, nicht die Herzen. Der Kanzler habe mit einem "eingeübten, zum Teil nachlässig artikulierten Wechselgang von leiseren Appellen und mit Stimmdruck hervorgehobenen Aufforderungen" versucht, Entschlossenheit zu demonstrieren. Mimik, Gestik und Haltung hätten jedoch Unsicherheit verkörpert. Die Haltung sei gebeugt gewesen, der Blick unruhig und auf der ständigen Suche nach Verbündeten im Saal. "So kann er seine Glaubwürdigkeit nicht verstärken", sagte Zienterra. Verkrampft sei der Kanzler von einem Bein auf das andere geschwankt, die Gestik habe sich auf Bewegungen der rechten Faust beschränkt. "Er hat entscheidende Botschaften nicht mit Bewegungen unterstrichen." Mimik und Stimme seien zwar von Kampfeswillen geprägt gewesen. "Aber Schröder hat nicht einmal verbindlich oder aufmunternd gelächelt", kritisierte der Experte. So sei es schwer, Vertrauen zu gewinnen und die Zuhörer für sich einzunehmen. "Daran ändert auch nichts, dass er jeden vierten Satz mit 'Freundinnen und Freunde' beendete."
Quelle: www.spiegel.de


Der Kanzler musste kämpfen. Er hat gekämpft - mit Erfolg. Mit einer energischen Rede hat der SPD-Vorsitzende Gerhard Schröder auf dem Sonderparteitag in Berlin die Genossen auf Reformkurs gebracht: Der Antrag zur Agenda 2010 wurde mit klarer Mehrheit angenommen: ein Erfolg des Kanzlers und doch nur ein Etappensieg. Der Schlussspurt kommt noch: Der Kampf um die Stimmen in der Fraktion. Schröder erinnerte auch an die Worte seines Fraktionschefs Franz Müntefering, der von der Saat sprach, deren Früchte man erst morgen ernten könne. Und da kommt in der 53minütigen Kanzler-Rede ein Satz, der wie kein anderer die momentane sozialdemokratische Gemütslage beschreibt: "Die Rückenschmerzen vom Bücken bei der Aussaat, die spüren wir heute."
Quelle: ZDF Heute .


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