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www.rhetorik.ch aktuell: (8. August, 2001)

Krieg der Bilder und Parolen (Werden Medien missbraucht?)


Genua Wir haben in veschiedenen Beiträgen die Bedeutung der Medien und die Beeinflussungsmöglichkeiten mit Bildern beleuchtet. (Siehe etwa 20. Juli, Schockbilder, 3. Juni, Bilderkampagnen oder 25. Januar, Macht der Bilder, Macht der Medien oder Beeinflussen.)

Ferner wissen wir, dass Provokateure und Demonstranten die Medien gerne als Multiplikationsmöglichkeit nutzen und froh sind, wenn ihre Aktionen eine Gratisverbreitung finden. Medienpräsenz macht sich bekanntlich bezahlt.
Wer aussergewöhnliche Bilder vermitteln kann, kommt stets zu einer Gratis-Publizität.
Im Zusammenhang mit dem G-8 Gipfel in Genua im Juli 2001 kam es zu einer Verunsicherung bei vielen Medienschaffenden. als die Journalisten sich bewusst wurden, dass sie von allen Seiten missbraucht werden können:
Genua Von den Aktivisten wie auch von der Polizei. Die Medien standen zwischen zwei Fronten. Wir haben bereits bei den organisierten Aufmärschen der Globalisierungsgegner 1. Mai "Schlagend argumentieren" und 3. Februar "WEF Diskussion" darauf hingewiesen, dass die Dialektik mit Bildern und Parolen stets genutzt wird. In Genua bestand für die Medienschaffenden die Gefahr, zwischen den Fronten aufgerieben zu werden. Zapatisten, Kommunisten und die Schweizer Gruppe der Globalisierungsgegner, aber auch die Polizei hatten ihre Mediensprecher. Luca Casarini etwa, der Leader der "Tute blanche" rief immer dann die Medien, wenn er sie brauchte.
Beispielsweise für die Hauptprobe der Demo. Innert Kürze standen ein paar Kamerateams aus aller Welt im Stadion und filmten, wie sich die Demonstranten beim Manöver hinter Plexiglaswänden verschanzen und in gestellten Aufnahmen Gesinnungsgenossen wie wild dagegen anrannten und mit Stöcken darauf einschlugen. Dieses Spektaktel war für die Medien vorgesehen. Neben dem Training für dem Auftritt war natürlich auch die Absicht die Botschaft:
"Schaut her. So werden uns die Polizisten verprügeln, die nur friedlich demonstrieren wollen."
Die Dialektik mit Bildern wurden in Genua zudem mit gekonnten Parolen vernetzt. Die Slogans auf den T- Shirts, Werbeplakaten und Postern waren professionell gestaltet und getextet: zum Beispiel:

  • Eine ausgemergelte afrikanische Frau gibt einem guternährten weissen Baby die Brust. Dazu der Text: "Wäre es möglich, dass wir noch nicht satt sind?"
  • Oder der Slogan: "Ihr seid die G8. Wir sind 6'000'000 000!"


Ein Lehrstück, wie Beeinflussung, Propaganda funktioniert. Es sind immer Bilder und Parolen, die sich leicht in den Köpfen festsetzen.
Es wurde versucht, die Medien bei allen Aktionen zu instrumentalisieren. Das Dilemma bestand darin: Wie in Seattle 1999 kam es in Genua zu Krawallen, die von Schlägern aus halb Europa angezettelt wurden. (Über das Internet zusammengetrommelt).
Genua Dass es zu Bildern mit brennenden Autos, prügelnden Anarchisten, verwüsteten Banken, Rauchschwaden und Tränengaseinsätzen kommen wird, wussten alle bereits vorher. Die Medien fühlten sich jedoch verpflichtet, dies auch dem Publikum zu zeigen. Schliesslich sind sie als Service public gleichsam verpflichtet, alle Aktionen ungeschminkt zu zeigen.
Die Polizei war in Genua erstaunlicheweise auch bereit, die Bilder der Gewalt ungeschminkt zu zeigen. Sie wollten die Gewaltaktionen bewusst publik machen, damit ihr Einsatz eingeordnet werden kann.
Primocanale, ein Lokalsender sendete rund um die Uhr nur über das G-8 Gipfeltreffen. Er hatte auf allen strategischen Dächern Genuas Kameras angebracht, die zeigten, was sich überall abspielte.
(Die Stadtpolizei Zürich hatte vor Jahren anlässlich der 1. Mai - Kravalle die Gewaltaktionen auch einmal ungeschnitten mit Videoaufnahmen protokolliert. Dank dieser 1:1 Aufnahmen konnten den politischen Instanzen nachträglich bewiesen werden, dass die Fernsehberichterstattungen einseitig waren und der Polzeieinsatz verhältnismässig war.)
Genua Mehr als ein Dutzend Berichterstatter sind in Genua verletzt worden. So viele, wie noch nie bei einer Veranstaltung. Italiens Justiz forderte deshalb nachträglich die Journalisten auf, Tatsachen, die nicht im Primocanale gezeigt worden sind, zu melden. Wenn Journalisten mit Staatsanwälten kollaborieren sollten, so macht dies zusätzlich bewusst: Die Medien sind eindeutig in einer Zwickmühle. Es wird versucht, sie von allen Seiten zu instumentalisieren. In Genua standen die Medienschaffenden offensichtlich zwischen zwei Fronten mit unterschiedlichen Interessen.
Vielleicht hilft diese Verunsicherung, über Sinn und Zweck der Medien genauer nachzudenken.


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