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www.rhetorik.ch aktuell: (01. Nov, 2020)

Wie verlässlich sind Umfragen bei der US Wahl

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
Wir hatten vor 4 Jahren schon die US Wahlen verfolgt. Zwei Tage vor der Wahl haben wir dies geschrieben (vor allem weil Michael Moore und Lichtman damals einen Trump Sieg vorausgesagt haben). Zwei Tage später war die Sache klar: Trump hatte gewonnen. Was sagt Allan Lichtman heute? Nach diesem Artikel prognostiziert Lichtman einen Sieg von Biden. Lichtman hat ein System von 13 Faktoren und hat seit 1984 immer recht gehabt. [Auch das damals erwähnte Primary Model hatte Recht gehabt und 2016 einen Trump Sieg vorausgesagt. Das Primary Model von Helmut Norpoth (anders als Lichtman) sagt aber dieses Jahr 2020 einen klaren Sieg von Trump voraus. Andere Auguren schauen auf die Börsen. Nach CNN soll das ein Gewinn von Biden heissen.]

Wie steht es mit Umfragen? Die Webseite FiveThirtyEight hat schon seit Jahrzehnten Wahlen statistisch vorausgesagt. Unten ist ein Tweet, der die Voraussagen dieser Seite 3 Tage vor der Wahl auflistet. Sie lagen immer gut drin, nur im Jahre 2016, wo Clinton gegen Trump verlor, da hat man die Möglichkeiten des Wahlsystems nicht beachtet obwohl der Trend richtig war. Heute, im Jahre 2020, ist der Vorsprung von Biden über zwei mal grösser. Demensprechend ist auch die Wahrscheinlichkeit für eine Überraschung kleiner. Die Umfragen vom Jahre 2016 lagen ziemlich richtig: Clinton gewann mit 48.16 Prozent mehr Stimmen als Trump mit 46.09 Prozent, in recht guter Übereinstimmung mit den Vorausssagen (2.09 Prozent mehr anstatt die prognoszitierten 3.9 Prozent). Es war der Elektoren Mechanismus der US Wahl, der Trump ins Weisse Haus brachte. Wenn man die heutige 2020 Wahl mit wissenschaftlicher Nüchternheit betrachtet und die historischen Daten als Vorlage nimmt und wieder einen Fehler von ein paar Prozent in Betracht zieht, dann stehen die Chancen für einen Trump-Gewinn extrem schlecht. Auch die Umfragewerte in den Swingstaaten sehen schlecht aus für Trump. Die Zusammenstellung rechts ist vom Blick.
Hier ist die Zusammenstellung von FiveThirtyEight (538 ist die Anzahl Elektoren der USA) ist ein politischer und statistischer Analyse Blog:
Umfragedaten von fivethirtyeight.com seit 1976 
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2020: Biden+8.6       ?????????
2016: Clinton+3.9     Trump hat gewonnen
2012: Obama+0.3       Obama hat gewonnen
2008: Obama+6.7       Obama hat gewonnen
2004: Bush+2.3        Bush hat gewonnen
2000: Bush+3.6        Bush hat gewonnen
1996: Clinton+13.8    Clinton hat gewonnen
1992: Clinton+7.6     Clinton hat gewonnen
1988: Bush+10.1       Bush hat gewonnen
1984: Reagan+17.7     Reagan hat gewonnen
1980: Reagan+2.2      Reagan hat gewonnen
1976: Carter+0.03     Carter hat gewonnen
Wenn man diese Liste anschaut, dann ist das wahrscheinlichste Szenario, dass Trump ganz klar verliert. Es gibt die Mär vom ``scheuen Trump Wähler". Das heisst, dass die Leute nicht gerne zugeben für Trump zu wählen. Nach diesem Artikel gibt es aber keine Daten, die das bestätigen.

Im Jahre 2016 hatte die New York Times eine 15 Prozent Chance für einen Trump Gewinn angegeben, das ist 1 zu 7. Die Chancen sind dieses Jahr viel, viel kleiner. Die Zeitung wagt heute aber keine Voraussage, im Gegenteil warnt, dass man sich nicht auf Umfragen verlassen könne. Da spielt natürlich auch Rhetorik sowie auch Vorsicht eine Rolle. Die Umfragewerte waren aber bei US Wahlen immer recht gut. Wenn Biden nur mit 5 Prozent mehr Stimmen gewinnen würde (fast 4 prozent unter der prognostizierten Zahl), dann wäre das schon eine Überraschung. Aber in unserer Zeit sind jegliche Überraschungen möglich. Das Rennen bleibt auf alle Fälle spannend. Niemand kann die Zukunft voraussagen.


NYT warnt, dass man sich auf Voraussagen nicht verlassen kann. Wenn man jedoch historisch auf die Daten schaut, dann haben mit der Ausnahme vom Jahre 2016 die Umfrage basierten Voraussagen immer den Gewinner vorausgesagt. Die NYT steht natürlich ganz klar hinter Biden und möchte auch im Moment noch Wähler motivieren, am Dienstag zu wählen. Aber auch in Sachen Vorwahl scheint Biden im Vorsprung zu sein. Es haben 3 mal mehr Wähler der Demokraten, die per Briefwahl abgestimmt als Republikaner. Es haben (wegen der Möglichkeit, per Brief abzustimmen) viel mehr Leute abgestimmt. Es könnte ein Rekord sein. Und auch da könnte das für Trump schlecht aussehen. Ein Trump Sieg wäre eine Riesenüberraschung - auch mit dem Wissen über die Überraschung vor 4 Jahren.
Nachtrag vom 2. November: in CNBC eine Umfrage vom 29. Oktober bis 1. November aus den Swingstates: Biden liegt überall vorne:
In einer nationen CNBC/Change Umfrage führt Biden mit 52 zo 42 Prozent. Die Fehler werden auf plus minus 2.26 Prozent geschätzt. Das sollte klar sein.

Im Blick meint Auslandredaktorin Fabienne Kinzelmann warum ein Trump Gewinn möglich ist: Gibt aber auch Gründe an warum Biden gewinnen könne: Dann werden auch die Sorgen um eine konstitutionelle Krise wiederholt. Weil die Briefwahlstimmen nicht rechtseitig ausgezählt werden können, wäre es möglich, dass Trump das Wahlergebnis nicht anerkennt und der oberste Gerichtshof entscheiden müsste.
Nachtrag vom 3. November: Heise hat mit Datawrapper visualiserte Graphen: über das komische Elektoren System zusammengestellt.
Wer folgt Donald Trump? Auch 2020 heisst es also, dass der künftige US-Präsident nicht die Mehrheit der Wählerstimmen braucht, sondern die Mehrheit im Electoral College. Die steht weiter bei 270 und nach der Schliessung der letzten Wahllokale dürfte die Welt diesmal aber ganz besonders aufmerksam auf das folgende Spektakel blicken. Die Experten wissen, auf welche Staaten sie blicken müssen - Florida etwa zählt traditionell schnell aus und könnte vorentscheidend sein. Sollte Joe Biden nicht klar gewinnen, dürfte sich ein nie dagewesenes Gezerre um die Ergebnisse in einzelnen Bundesstaaten anschliessen. Möglich ist, dass sich ein Endergebnis erst in Tagen oder sogar Wochen abzeichnet, auch wegen der Besonderheiten im Jahr der Corona-Krise. Zu erwarten ist, dass dann auch die Debatte um das Wahlsystem einmal mehr an Fahrt gewinnt.

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