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www.rhetorik.ch aktuell: (05b. Sep, 2020)

Das Wylergut Bild

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
In einem Quartierschulhaus Wylergut hängt seit 71 Jahren im Treppenhaus ein Wandbild. Das Fresko kam in die Medien, weil das N und I im Kunstwerk von einer unbekannten Täterschaft übermalt worden ist. Von Kunstfrevel ist die Rede. Doch das Schulhaus will trotz Sachbeschädigung keine Anzeige einreichen. Die umstrittenen halben Quadratmeter sind jetzt schwarz. Sie gelten als rassistische Kunst.

Es ist eine Frage, die überall auftaucht: we gibt Worte, die einst allgemein gebräuchlich waren, und die heute tabu sind. Literatur, oder Bilder, die vor mehreren Jahrzehnten gemacht worden sind, sind haute nicht mehr in Ordnung. Dazu gehören auch Bücher wie Mark Twain oder Bilhelm Busch, der in Max und Moritz mit Tierquälerei und sadistischen Streichen Erfolg hatte. Geschichten von Pippi Langstrumpf, Hotzenplotz, Emil und die Detektive, sind on der Sprachpolizei schon verändert worden. Ist das Zensur oder ist das richtig? Die Meinungen gehen auseinander.

Etymologisch ist das N Wort vom Lateinischen, vom Französischen oder dem Spanischen abgeleitet. Es hiess ursprünglich einfach Schwarz, wurde dann aber mehr und mehr politisch unkorrekt. Als das Wylergut Bild gemacht wurde, hatte sich niemand daran gestört.

Ist moderne Sensibilität ein Grund, die Bilder und Texte zu verändern? Gerade in der Schule könnte das ein Anlass sein, über die Geschichte und Situationen nachzudenken und die Schüler mit der Geschichte und der Problematik zu konfrontieren. Das wurde übrigens auch in dieser Schule vor einem Jahr schon thematisiert. Die Schüler wurden aufgefordert, darüber zu schreiben.

Die Wylergut Story dann birgt das Dilemma, ob es in Ordnung ist, solche Bilder in Nacht und Nebelaktionen zu verändern. Und dann, ob es in Ordnung ist, die Vandalen bewusst nicht zur Rechenschaft zu ziehen. Auch hier gehen die Meinungen auseinander.

Tagi Tagi:
"Die Stadt beugt das gültige Recht, das empfinde ich als Skandal": Schulleiter Jürg Lädrach vor dem Wandbild im Stadtberner Schulhaus Wylergut. Am rechten Rand ist die zerstörte Porträttafel zu sehen, die einen Schwarzafrikaner zeigte. Es geschieht zwischen 13.30 und 14.15 Uhr, während der ersten Nachmittagslektion. Die Schülerinnen und Schüler lernen in den Klassenzimmern, als die Täter ins Schulhaus eindringen und Teile des Wandbildes attackieren, das seit 71 Jahren das lichte und hohe Treppenhaus schmückt. Mit Farbrollen schmieren sie dicke Schichten schwarzen Kunstharzlacks über drei Tafeln des Freskos - diese stehen je für einen Buchstaben des Alphabets und zeigen: einen Schwarzafrikaner (N), einen nordamerikanischen Indianer (I) und einen Chinesen-Buben (C).

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