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www.rhetorik.ch aktuell: (13. Okt, 2008)

Die Börse als kulturelles System

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Dieser Beitrag stammt von

Regula Stämpfli

Dr.phil, Politologin, Dozentin, Autorin regulastaempfli.ch

Das Streiflicht der Süddeutschen Zeitung vom 8. Oktober 2008 brachte die Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrise so schön, dass sie hier zum Einstieg wiederholt werden müssen:
"Die Amerikaner, die noch keine Häuser hatten, wollten welche bauen. Da sie indessen nicht nur keine Häuser hatten, sondern auch kein Geld für deren Bau, gingen sie zu denen, die Geld hatten, und liehen sich welches. Als die Häuser fertig waren und die Geldleute ihr Geld zurückhaben wollten, war dieses aber weg, weswegen die Geldleute zu wiederum anderen Geldleuten gingen und sie fragten, ob denn vielleicht nicht sie das verschwundene Geld haben wollten. Au fein, sagten die, Subprime Loans, und ob wir die wollen! Sie nahmen den Plunder, mischten alles neu und gaben das zeugs ihrerseits weiter, und so kam es, wie es kommen musste."

In meinen Forschungen habe ich mich bemüht, die jetzige Krise philosophisch, historisch und juristisch zu fassen. Denn die Börse ist, wie alles andere auch, Teil eines kulturellen Systems. Und es lohnt sich, neben dem Geld eben auch den Geist dahinter zu spüren.
Denn was ist passiert? Da wurden Ratings, Zahlenlogiken, mathematische Spieltheorien als grosse Kategorien und auf lange Zeit hinaus völlig unbesehen auf reale Wirtschaften, auf reale Staaten und auf reale Menschen angewendet. Zahlen und nicht das Reden, Argumentieren, das Verhandeln, das Suchen nach demokratischen Lösungen etc. dominierten alle möglichen und unmöglichen Bereiche.

Google ist in diesem Zusammenhang eben nicht nur eine Suchmaschine, sondern eine eigentliche und sehr sprechende, herrschende Philosophie. Denn Google zeigt nicht an, was wichtig ist, sondern was die Mehrheit der Hits als wichtig dokumentiert. Es ist ein sinnloses wie hoffnungsloses Unternehmen geworden, nach Bedeutung oder gar Sinn vieler Themen zu fahnden, da die meisten nur das wiederholen, was die meisten auch meinen. Dieter Bohlen ist in Deutschland nicht etwa Bestseller-Autor aufgrund der hohen literarischen Qualität seines Werkes, sondern schlicht, weil eine Mehrheit ihn und alles was er sagt, grandios findet. Prominenz erschlug in meinen Worten seit Jahren die Kompetenz. Irrealität, Illusion und Ratingspiele ersetzten die Wirklichkeit. Die internationale Finanzkrise spricht wie keine andere Krise der Postmoderne die Sprache eines eigentlichen Welt und Wertverlustes. Leistung, Gerechtigkeit und Chancengleichheit wurden in den letzten Jahren von Seiten der Medizinwissenschaften (Gene sprechen während Menschen verstummen), der Medien (Deal or No Deal, Miss Schweiz Wahlen oder eine Politsendung mit dem Namen "Classe politique" als Service public? Das kann ja nur ein Witz sein!), der Meinungsumfragen (Glauben Sie auch, dass Frauen eher Schuhe kaufen und Männer lügen? Ja? Dann ist das so), der Politiker ("Ich habe ein schönes Haus, eine schöne Frau und zwei süsse Kinder. Das genügt, um mich zu wählen"), der Universitäten ("Hatte Heinrich von Kleist nun Plattfüsse oder nicht?"), der kulturellen Relativitätsnihilisten ("Warum stören Sie sich an einer Abu Ghraib Inszenierung während der Mailänder Modeschau?") sowie der Unterscheidungslosen (schon Kinder sollen strafrechtlich belangt werden während Erwachsene nun ewig Kinder bleiben sollen) etc. als Altlasten politischer Korrektheit entsorgt. Wie weiter? Die gegenwärtige Krise zeigt nur eines: Wir brauchen eine klassische Wertorientierung. Kompetenzen. Eine Ambitionskultur. Ein Besinnen auf Freiheit, Mündigkeit, auf die Unterscheidung von öffentlich und privat, auf Bildung, auf Politik, auf Menschen statt nur auf Systeme. Hören wir doch auf damit, Berühmtheiten für Nichts zuzuklatschen oder sie sogar in wichtige Positionen zu heben. Es müssen endlich wieder Anreize geschaffen werden, die Leistung, Klugheit, Bildung, Kompetenz und nicht meinungsumfrageerhobenen unteren Durchschnitt belohnen. Denn die Absurdität ist so offensichtlich, dass wir eigentlich nur den Kopf schütteln können. Denken Sie mal länger nach. Was ist das für eine Gesellschaft, die zuerst die Banken retten muss, damit wir Menschen noch überlebensfähig sind?



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