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www.rhetorik.ch aktuell: (10. Okt, 2007)

Der Rauswurf von Eva Herman

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
Der Moderator Johannes Kerner hat vor laufender Kamera in seiner Talkshow die Ex-Moderatorin Eva Herman rausgeworfen. Grund: Sie hatte sich nicht ausreichend von ihren Äusserungen zu den familiären Werten der Nazis distanziert und die anderen Gäste Senta Berger, Margarethe Schreinemakers und Mario Barth empört. Der Moderator hatte Herman wiederholt gefragt, ob sie die umstrittenen Äusserungen heute so wiederholen würde.


Der Rauswurf passierte mit den Worten:

"Ich habe mir Gedanken gemacht, wie es weitergeht. ... Ich entscheide mich für die anderen drei Gäste und verabschiede mich von Eva Herman."


Die Sendung wurde mit dieser dramatischen Szene ausgestrahlt. Zur "Bild"-Zeitung meinte Kerner später:

"Ich wollte wissen, was Eva Herman wirklich denkt. Als ich gemerkt habe, dass sie ihre missverständlichen Äusserungen nicht aufklären kann, habe ich sie freundlich verabschiedet."


Kommentar: Schade, dass Eva Herman die Chance verpasst hat, zuzugeben, dass es ein Fehler war, Hitler im Zusammenhang mit guter Familienpolitik überhaupt in den Mund zu nehmen.




Herman hatte keinen leichten Stand in der Runde. Alle waren gegen sie. Auch der Historiker in der zweiten Reihe. Sie wurde von allen Seiten hart angegriffen. Vor allem von den beiden Frauen, die mit dem verstaubten Hausfrauenbild nichts anfangen konnten und Hermans Thesen ein Dorn im Auge war. Senta Berger urteilte über das Buch und hatte es nicht einmal gelesen. Auch Kerner war angriffig. Ich habe ihn beim Moderieren noch nie so parteiisch gesehen, als hätte er einen Auftrag gehabt, Herman fertig zu machen. Immer wieder versuchte er die ehemalige Moderatorin in die Naziecke zu stellen. Er zitierte Texte aus dem dritten Reich und verglich diese mit Formulierungen aus dem Buch Eva Prinzip. Er erwähnt immer wieder, dass Eva Herman von den Rechtsextremen gelobt werde. Das komme nicht von ungefähr. Das war für Herman zu viel. Dass man in Stresssituationen die Nerven verlieren kann, ist nachvollziehbar. Die ehemalige Fernsehfrau liess sich provozieren und merkte nicht mehr, dass sie sich mit das Reizwort "Autobahn" zum Abschuss frei gab. Herman manöverierte sich nochmals in eine problematische Ecke und verlor. Eva Hermann hätte bei Kerner die Gelegenheit nutzen können, sich mit einem Satz zu entschuldigen für den missverständlichen Vergleich. Stattdessen wiederholte sie immer wieder, Ihre Aussage sei aus dem Zusammenhang herausgegriffen worden und man rücke das Originalband nicht heraus. Ihr Zitat sei eindeutig gewesen. Man könne es beweisen. Sie habe mit braunem Gedankengut nichts am Hut. Ob sich Eva Herman vor dem Gespräch briefen liess? Wohl kaum, sonst hätte sie sich nicht provozieren lassen.




Der "Spiegel": Die gestrige Sendung von Johannes Kerner war eine Sternstunde des Fernsehens, an die man sich lange erinnern wird. So wie man sich an eine nächtliche Autobahnfahrt erinnert, bei der einem lauter Geisterfahrer mit aufgeblendeten Lichtern entgegengekommen sind. (...) Es war keine der üblichen Plauderstunden zu später Stunde, es war eine Tribunal mit Eva Herman in der Rolle der Angeklagten, Johannes Kerner als Ankläger und drei Geschworenen, zwei Frauen und einem Mann, die ihr Urteil schon vor Beginn der Verhandlung gefällt hatten. (...) Und dann passierte etwas, das man sich merken sollte, wenn man seinen Kindern und Enkeln eines Tages erklären möchte, wie weit im Jahre 2007 die Hemmschwelle nicht nur bei deutschen Moderatoren, sondern auch deutschen Professoren sinken konnte. Ein bekannter Berliner Historiker, der abseits der Runde plaziert worden war, klärte das Publikum darüber auf, was Eva Herman falsch gemacht hatte: "Sie verwechselt Konservativismus mit Nationalsozialismus", letzterer habe "Rassenzucht und Rassenvernichtung betrieben" und "Frauen zu Muttertieren erniedrigt". Und er forderte die 1958 geborene Moderatorin auf, sich "von diesem rassistischen Frauenideal zu distanzieren", als habe er nicht Eva Herman vor sich, sondern die wiedergeborene Eva Braun. Woraufhin Frau Herman leider patzte. Es stehe doch "ausser Frage, dass ich das Dritte Reich ablehne", sie habe auch mit ihrer Oma darüber diskutiert: "Wie konnte das passieren, warum habt ihr nichts unternommen?"









Nachtrag vom 11. Oktober:

In den Medien wird der Rauswurf kontravers kommentiert. Patrick Senn hat es auf den Punkt gebracht:

Die Szene war eindeutig: Margarethe Schreiemakers wandte sich demonstrativ weg von Eva Herman, Senta Berger drohte, die Sendung zu verlassen (interessanterweise mit dem Argument, sie habe die Bücher von Herman nicht gelesen und fühle sich deshalb ausser Stande, hier mitzudiskutieren). Schreinemakers fand, Hermans Satz, "Ich muss einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht sprechen kann, ohne in Gefahr zu geraten", sei zuviel des Guten. Was soll ein Moderator da tun?

Zuerst einmal: Seine Redaktion rüffeln. Wie kann man mit Frau Berger einen Gast einladen, der sich selbst in der laufenden Sendung für "nicht kompetent" erklärt? Das geht unter journalistischen Erwägungen natürlich gar nicht. Und schon überhaupt gar nicht, wenn heikle Themen wie Vorwürfe der Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut zur Debatte stehen.

Johannes B. Kerner hat sich in der Sendung dann dafür entschieden, Eva Herman zu verabschieden. Er hat damit dem Druck der anderen Gesprächsgäste nachgegeben. Und sich damit erpressbar gemacht. Was wäre besser gewesen?

Zu beruhigen, nachzufragen. Das hätte Kerner schon viel früher tun müssen. Herman ist bis zum Schluss in einem Widerspruch verblieben: Einerseits sagt sie, sie hätte die Werte und den sozialen Status der Mutter vor dem Nazi-Regime verteidigt, nicht die pervertierte Mutterrolle der Nazis. Andererseits sagt sie indirekt, nicht alles unter den Nazis sei schlecht gewesen: "Es sind auch Autobahnen damals gebaut worden und wir fahren heute darauf." Kerner rechtfertigte sich später auf ZDF online: "Ich hatte die Hoffnung, dass Frau Herman ihre problematischen Äusserungen im Gespräch relativieren würde. Als klar war, dass wir dabei nicht weiterkommen, habe ich das Gespräch mit ihr beendet und mit meinen anderen Gästen fortgesetzt." Das ist schwach. Zuerst hatte Herman sehr wohl relativiert, dann hat sie sich zur eigenen Relativierung in Widerspruch gesetzt. Kerner hat das nicht erkannt und auch nicht thematisiert.

Aber wenn das nun einmal passiert ist: Die Aussagen der anderen Gesprächsgäste "Das geht einfach nicht" sind für mich keine akzeptablen Begründungen. So etwas darf ein Journalist nicht durchgehen lassen. Es wäre zwingend auch auf dieser Seite eine Klärung: Warum geht das nicht? Was genau geht nicht? Dadurch würde sich eine Differenzierung erschliessen. Aber Kerner hat auch hier den Widerspruch nicht erkannt: Margarethe Schreinemakers wirft Herman (zurecht) vor, dass sie nicht bereit sei, sich mit dem eingeladenen Historiker auseinanderzusetzen. Dann verweigert sie selbst mittlerweilen hochgradig emotional die Weiterführung des Gesprächs. Auch diesen Widerspruch thematisiert Kerner nicht. (z.B. mit der Frage: Warum ist es kein Widerspruch, das sie Frau Herman den Vorwurf der Gesprächsverweigerung machen und selbst nicht zur Auseinandersetzung mit ihr bereit sind?

Das Fazit: Hier werden Schlussfolgerungen in die Runde geworfen, die nicht logisch hergeleitet werden. Das passiert häufig, insbesondere mit Gästen, die in Dialektik nicht trainiert sind. Unsere Aufgabe als Medienschaffende ist es, Prämissen, zu Grunde liegende Überzeugungen, Voraussetzungen aufzuzeigen durch Nachfragen. Wie das geht, hat Aristoteles mit seinen Dialektikregeln aufgezeigt, später hat es der Deutsche Rupert Lay neu belebt.

Warum hat Kerner das nicht gemacht? Ich behaupte: Er hatte den Mut nicht, weil Deutschland noch immer so stigmatisiert ist, dass eine differenzierende Auseinandersetzung sofort als mangelnde Distanz zum Nationalsozialismus ausgelegt wird.

Grundlagen:


Nachtrag vom 12. Oktober, 2007: Wem schadet der Rausschmiss? Aus persoenlich.com:

Der TV-Eklat um den Herman-Rausschmiss bei "Kerner" hat jedoch nicht nur in der Schweiz Konsequenzen. In Deutschland wird über diesen Vorfall heiss diskutiert. Dort fragt man sich zurzeit, wem der Eklat mehr geschadet habe: Eva Herman oder Johannes B. Kerner. Denn obwohl sich das ZDF an diesem Abend über hohe Zuschauerquoten freuen konnte, ist unklar, welchen Ausgang der Eklat für den Moderator Johannes B. Kerner haben könnte.

Deutsche Leitartikler sind sich nämlich einig, dass es dem sonst so versierten Kerner nicht gelang, das Gespräch souverän zu führen. Statt, dass er auf das eigentliche Thema zu sprechen kam, habe sich der ZDF-Moderator immer tiefer ins Dritte Reich gebohrt, und so die völlig überforderte Eva Herman vorgeführt. Mit dem Rauswurf, so mutmassen Journalisten, habe Kerner vielleicht die umstrittene Ex-Moderatorin vor noch schlimmeren Verstrickungen bewahrt.

Andere Journalisten vermuten sogar, dass der Eklat inszeniert gewesen sei -- und so abwegig das auch klingen mag, einen Nutzen hätten beide davon. Kerner konnte sich über eine höhere Zuschauerquote freuen, und Herman vielleicht über eine höhere Leserschaft, die ihr Buch "Das Prinzip Arche Noah" nun kaufen möchte.


Quelle:



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