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www.rhetorik.ch aktuell: (13. Feb, 2007)

Zum Wahlkampf in Frankreich

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:


Die französische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal stellte ihr Programm vor, mit dem sie Frankreich im Falle ihres Wahlsieges erneuern will.

Dazu gehört auch ihr Politikstil der "partizipativen Demokratie" - des "Jeder-darf-sich- Einbringens" (Tagesschau.de) Als Regionalpräsidentin erntet sich die Powerfrau auch Kritik. Die Kandidatin begab sich zuerst auf die Überholspur. Die Medien lobten sie und zuerst waren alle von der mutigen Kandidatin begeistert. Man nannte Royal die "Königin der Umfragen". politische Sphärenklänge umhüllten sie. ( Merkur- online.de).

Die Absolventin der Eliteschule ENA (Ecole Nationale d'Administration) verstand es, sich als volksnahe Sozialistin zu präsentieren. So soll sie, wenn sie mit Bürgern diskutiert stets darauf achten, nicht höher zu sitzen als die anderen. Der Wahlkampf der charismatischen Politikerin würde gut gehen, wären nicht all die Fallstricke der Diplomatie. Ausgerechnet ihre Zutraulichkeit, ihre Unbefangenheit und auch ihre Naivität gibt ihr eine fast 100-prozentige Trefferquote, ins Fettnäpfchen zu treten.


Fettnäpfchen

Leider tappte die Politikerin auch in Fettnäpfchen. Umfragen zufolge würde ihr Gegenkandidat Sarkozy derzeit in einer Stichwahl auf 53 Prozent kommen. Der Grund ist eine schlecht programmierte Wahlkampagne, strategische Fehler und Streitereien im sozialistischen Lager. Aus Merkur- online.de:

  • Im Dezember verglich ein Hisbollah-Abgeordneter in Libananon die frühere israelische Besatzung mit der Okkupation Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht. Royal stand daneben - und schwieg. Als es zu spät war, meinte sie, sie habe die Bemerkung des Hisbollah-Mannes nicht gehört.
  • Im Januar 2007 stellte Royal in China fest, die französische Justiz könne von der chinesischen noch einiges lernen. Vermutlich wollte Royal freundlich sein, denn der Vergleich ist absurd, denn in China werden Menschenrechte noch mit Füssen getreten.
  • Im Januar folgte ein Patzer in Kanda als Royal mit dem Premierminister von Quebec in Kanada telefonierte. Als Royals Gesprächspartner die Situation seiner Provinz mit dem immer wieder laut erschallenden Ruf der Korsen nach Unabhängigkeit verglich, erwiderte sie lachend: damit wären die meisten Franzosen wohl einverstanden. Trotz ihrer Bitte, diesen Witz nicht weiterzuerzählen, kam die Sache an die Öffentlichkeit: denn ihr Gesprächspartner war der bekannte französische Stimmen-Imitator Gérald Dahan, der bereits den Fussball-Star Zinedine Zidane oder den Ex-Gesundheitsminister Philippe Douste-Blazy hereingelegt hatte.
  • Eine Informationslücken hatte Royal in der Verteidigungspolitik vorzuweisen: Auf die Frage, wie viele Atom-U-Boote die Grande Nation denn besitze, riet sie 7. Die richtige Antwort wäre 4 gewesen.


Madame Royal wird inzwischen von vielen Satirikern höchst despektierlich mit der Comic-Figur Bécassine, deutschen Sumpfhuhn verglichen. Sie wird von französischen Presse noch immer mit Samthandschuhen angefasst, aber viele ihrer Parteifreunde wie Ex-Minister Dominique Strauss-Kahn oder der frühere Premier Laurent Fabius verzichten gerne darauf, gemeinsam mit Royal aufzutreten. Madame Royal eine Kämpferin. So zerbrechlich sie auf den ersten Blick wirkt: Sie kann verkraften. Das Rennen ist noch nicht gelaufen.


Was der Power Frau auch zusätzlich schaden könnte:
  • Royal will französischen Atomstrom reduzieren. Damit verliert die Politikerin bestimmt viele Stimmen. Viele Franzosen wollen genügend Energie und möchten keinen Strom importieren.
  • Die Kandidatin publizierte 100 Ideen um an den Wahlkampf ihres Mentors François Mitterrand von 1981 anknüpfen, der den Wählern 110 Vorschläge machte. Die Wähler wissen aber genau, dass kein Präsident so viele Anliegen umsetzen kann. Mit einem zu umfangreichen Ideenkatalog könnte die Kandidatin an Glaubwürdigkeit verlieren.
Nachtrag vom 16. Februar 2007: Die siegesbewusste Royal ist weiter im Gegenwind:
  • Ein parteiinterner Streit über die Finanzierung ihres Programms hat die Kandidatin zusätzlich aus dem Tritt gebracht.
  • Ein Grund für Unruhe ist der Rücktritt von Wirtschaftsberater Eric Besson. Er beklagte das Fehlen einer klaren Linie. Er führte "persönliche Gründe" für seinen Rückzug an.
  • Als eine Abrechnung Royals an der Afrikapolitik von Staatspräsident Jacques Chirac in dieser Woche in einer Zeitung erschien, sagte sie, dies sei ein "Irrtum" gewesen.
  • Für Kopfschütteln sorgte ihre Ankündigung, im Parteiprogramm den Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 auf 20 Prozent zu erhöhen. Zuvor hatte sie sich verpflichtet, den Anteil auf 50 Prozent anzuheben.
  • In der Bevölkerung bläst ihr in Umfragen der Wind ins Gesicht. Als sie am Mittwoch das Training der Rugby-Nationalmannschaft besuchte, wurde sie von den zuschauenden Kindern ausgepfiffen.
Die Sozialisten erwarten viel vom Fernsehauftritt Royals am Montagabend. In der Sendung "J'ai une question à vous poser" wird sie in einem Fernsehstudio von einfachen Bürgern befragt. "Der direkte Austausch mit dem Volk, der liegt ihr", meint ihr Wahlkampfmanager Jean-Louis Bianco.

Gute Auftritt allen genügen nicht, um die Stimmberechtigten zu überzeugen. Das "Wie" ist bekanntlich oft wichtiger das "Was". Dennoch geht es nicht ohne eindeutige Botschaften.


Fazit: Politiker düfen sich nicht in Widersprüche verstricken. (Siehe auch "Widersprüchliche Aussagen".)


Nachtrag vom 21. Februar 2007: Royal punktet bei TV-Debatte

Ségolène Royal konnte in der letzten TV-Debatte ordentlich punkten - und Beobachtern zufolge damit vielleicht den Umschwung einleiten. Die Aufholjagd wird spannend bleiben. Denn einer Umfrage prognostizierte Royal sogar einen knappen Vorsprung vor dem UMP-Kandidaten Sarkozy im ersten Wahlgang. Ausschlaggebend soll der Fernsehauftritt gewesen sein.
Nachtrag vom 23. Februar 2007: Schützenhilfe für Royal

Nach Fabius und Strauss-Kahn hat sich nun auch der frühere sozialistische Premierminister Lionel Jospin dem Wahlkampfteam der französischen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal angeschlossen.


Nachtrag vom 23. April 2007: Resultate vom 1. Wahlgang

Nicolas Sarkozy - Konservative (UMP) - 29,6 Prozent
Ségolène Royal - Sozialisten (PS) - 25,1 Prozent
François Bayrou - Zentrumspartei (UDF) - 18,7 Prozent
Jean-Marie Le Pen - Nationale Front (FN) - 11,5 Prozent
Olivier Besancenot - Kommunistische Liga (LCR) - 4,3 Prozent
Philippe de Villiers - Nationalisten (MPF) - 2,7 Prozent
Marie-George Buffet - Kommunistische Partei (PCF) - 1,8 Prozent
Dominique Voynet - Grüne - 1,7 Prozent
Arlette Laguiller - Arbeiterkampf (LO) - 1,6 Prozent
José Bové - Globalisierungsgegner - 1,4 Prozent
Frédéric Nihous - Partei für Jagd, Fischfang, Natur und Tradition (CPNT) - 1,3 Prozent
Gérard Schivardi - parteilos, für Arbeiterpartei (PT) - 0,3 Prozent

Nach der Stichwahl folgt das Duell



Der erste Wahlgang in der französischen Präsidentschaftswahl ist entschieden. Die Favoriten sind an der Spitze Nicolas Sarkozy mit 30 Prozent und Ségolène Royal mit 25.2 Prozent.

Nun heisst es: Sarko gegen Ségo Der rechtsbürgerliche Exinnenminister Nicolas Sarkozy und die Sozialistin Ségolène Royal stehen am 6. Mai in der Stichwahl um die französische Präsidentschaft. Die Auseinandersetzung wird zu einer Richtungswahl. In Frankreich hat der Präsident weitaus mehr Kompetenzen als Staatschefs anderer europäischer Länder.

Für Sarkozy hat sich ausgezahlt, dass er vor der ersten Runde stark um die Wähler des Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen geworben hatte. Der Chef der Nationalen Front kam nur auf etwa elf Prozent, Sarkozy erreichte dagegen das beste Ergebnis für einen Kandidaten der bürgerlichen Rechten seit 1974.

Entscheidend dürfte nun sein, wem die Wähler des Zentrumspolitikers François Bayrou in zwei Wochen ihre Stimme geben. Der UDF-Vorsitzende erzielte immerhin gut 18 Prozent und könnte das Zünglein an der Waage spielen.

Im bisherigen Wahlkampf standen sie im Mittelpunkt: Die ruhige Royal, die sich als verständnisvoll und mütterlich gab. Der temperamentvolle Sarkozy, der vor Tatendrang strotz, wegen seiner Wutausbrüche und polarisierenden Äusserungen aber viele Menschen vor den Kopf stösst.

Sarkozy will Frankreich für die Globalisierung fitter machen, indem er von seinen Landsleuten mehr Arbeit, mehr Selbstverantwortung und mehr Risikobereitschaft fordert. Dafür will er Überstunden von Abgaben befreien, Steuern senken und Druck erhöhen. Schon vor zwei Jahren sagte er gegenüber dem reformunwilligen Amtsinhaber Jacques Chirac: "Die Möglichkeit, als Arbeitsloser nach drei Vorschlägen immer noch jede Arbeit abzulehnen, ist keine soziale Errungenschaft, sondern Feigheit."

Royal wirft ihm deswegen vor, er rede dem "Gesetz des Stärkeren" das Wort und "brutalisiere" die Gesellschaft. In ihrem Gegenentwurf eines "liebenswürdigen Frankreichs" werden Kleinstrenten und Mindestlöhne angehoben, Unternehmen, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, bestraft, eine neue Arbeitslosenversicherung eingeführt. Royal will die Franzosen vor der Globalisierung in Schutz nehmen.

Am 2. Mai wird es zum grossen Fernsehduell kommen. Wer dann medienrhetorisch punktet, werden wir sehen.



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