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www.rhetorik.ch aktuell: (31. Jan, 2007)

Zu Cortis Auftreten in Bülach

Rhetorik.ch Artikel zum Thema:
Ich verfolgte Mario Cortis Auftreten bei den Gerichtsverhandlungen in Bülach. Viele Journalisten waren erstaunt, wie gut Corti beim Publikum in den jüngsten Auftritten ankam. Mich interessierte dieses Phänomen, zumal ich sein Verhalten seit Jahren kritisch beleuchtet hatte.






10 vor 10 Einleitung von Susanne Wille Mario Corti macht Boden gut. Bei den Zuschauern punktet er. Frage an Marcus Knill: wie war der Auftritt. Antwort: Erstaunlich, wie sicher er wirkt.






Marios Botschauft scheint vom Film "Grounding" entnommen. Wie im Film gibt sich Corti als Kämpfer. Konsequente Wiederholungstaktik wirkt glaubwürdig, wenn Corti daran glaubt. Rückblick: Das Grounding, der Schock. Corti punktet zuerst, das Bild des "Super Marios" wird dann aber getrübt.




10 vor 10 vom 31. Januar 2007
Mario Corti war damals in einer Krise. Der Rückhalt in Bülach macht Corti zuversichtlicher. Nachwort: Corti hat gegen Andre Dose, dem ersten Chef der Nachfolge Airline wegen falscher Zeugenaussage Anklage erhoben.


Am 30. Januar punktete Corti beim Publikum vor allem durch sein grosses Engagement. Er überzeugte durch Ausdruckstärke, Emotionalität und durch einfache und klar verständliche Sprache.


Es war zu befürchten gewesen, dass die offensive, angriffige Art Cortis überborden könnte und ihm das aggressiver Verhalten Sympathie kosten könnte. Corti gab sich jedoch am zweiten Tag viel zurückhaltender, sprach sachlicher und verstand es, die Balance zwischen Sachlichkeit und Emotionalität wieder herzustellen. In Bülach fragte ich Mario Corti in der Pause:

"Herr Corti, 2001 sagten Sie, dass man Vertrauen nicht befehlen könne. Vertrauen müsse man erwerben. Das Echo bei der Bevölkerung zeigt nun, dass Sie trotz Kritik von einer grossen Sympathiewelle getragen werden. Obschon Sie heute angeklagt sind, scheinen Sie das Vertrauen zurückgewonnen zu haben. Woran kann dies liegen?"


Obwohl Corti antwortete, er müsse eigentlich mehr Zeit haben, um diese Frage ausführlich zu beantworten, hatte ich das Gefühl, dass er an das glaubt, was er sagt. Was mir in Bülach vor allem bestätigt wurde, war die Erkenntnis, dass eine Person bei Kommunikationssprozessen andere nur überzeugen kann, wenn er von der eigenen Botschaft selbst überzeugt ist. Ich hatte das Gefühl, dass Cortis Groll auf die Grossbanken, die "seine" Swissair stranguliert haben, die sich hinter seinem Rücken verschwört haben, nicht gespielt war. Corti ist felsenfest davon überzeugt, dass das Grounding von den Banken vorgängig geplant worden war. Das Feuer in Cortis engagierten Voten war echt. Der Spruch "nur wenn in Dir ein Feuer brennt, kannst Du beim Publikum ein Feuer entzünden" wurde mir in Bülach - einmal mehr - verdeutlicht. Das Publikum glaubte deshalb dem engagierten Angeklagten. Corti überzeugte. Es kam soweit, dass er beim Gang zur Toilette und zum Kaffeeautomaten am zweiten Tag sogar noch Autogramme schreiben musste. Corti genoss offensichtlich das Bad in der Menge.

In wie weit der Film "Grounding" diese Grundstimmung verstärkt hat, bleibt dahingestellt. Jedenfalls kam in diesem Film Corti sehr gut weg. Im Gegensatz zum "Grounding" -film war der Dokumentarfilm hingegen viel bankfreundlicher. Ein Journalist verriet mir, dass Mario Corti die Kritik im Dokumentarfilm enorm geärgert haben soll. Man müsste sich deshalb fragen, ob Corti nicht ein Problem habe im Umgang mit Kritik.

Cortis Auftritt in Bülach bestätigte:

Wenn Botschaft, Emotionen mit der inneren Stimmung übereinstimmen, dann stimmen Stimme, verbale, nonverbale, paraverbale Elemente automatisch auch überein.


Bei Mario Corti stellte ich in Bülach diese Übereinstimmung fest. Anlässlich einer Analyse fürs 10 vor 10 wurden mir im Fernseh-Studio fünf Sequenzen aus früheren Medienauftritten vorgespielt, zu denen ich Stellung nehmen konnte. Der Vergleich der unterschiedlichen Sequenzen, aus verschiednen Situationen war spannend. Ich stellte fest, wie sich Corti sich gewandelt hat, vor allem im Umgang mit den Medien. Früher reagierte der damalige Swissairchef in Stresssituationen mit falschen Akzenten, sprach dann noch näselnder und setzte mit zusätzlichen "Aehs" falsche Akzente. Den Medien gegenüber war Corti bei Amtsantritt zu zurückhaltend. Er zeigte oft eine ausgesprochene Abwehrhaltung.

Heute weiss Corti hingegen die Chance von Medienauftritten zu nutzen. Er beherrscht auch das Botschaftenmanagement. Er wiederholt und unterstreicht seine Kernbotschaften. In Bülach haben wir alles erlebt. Die Schweiger (Antwortverweigerer) und jene Angeklagte, die redeten.

Möglicherweise werden jene, die nichts gesagt haben vor Gericht besser wegkommen (Sie haben nämlich nichts Falsches gesagt. Das Gericht muss die Schuld nachweisen können). Jene, die Fragen beantworteten, punkteten dafür beim Publikum. Für die Zuhörer haben Leute, die eine Antwort verweigern immer ein Zwei am Rücken. Man vermutet: Der hat etwas zu verbergen. Corti hat in Bülach geredet und damit beim Publikum gepunktet. Wie er vom Gericht beurteilt wird steht auf einem anderen Blatt.

"Cortis Groll auf Banken ist nicht gespielt"

Aus Persoenlich: Marcus Knill hat für "persoenlich.com" Mario Cortis Auftreten bei den Gerichtsverhandlungen des Swissair-Prozesses in Bülach verfolgt. Der Kommunikationsexperte hat Cortis Kommunikationsleistung unter die Lupe genommen, um zu erklären, warum der Angeklagte beim Publikum so gut ankam. Die Analyse von Marcus Knill:

"Mario Corti punktete beim Publikum an seinem ersten Verhandlungstag durch sein grosses Engagement. Er überzeugte durch Ausdruckstärke, Emotionalität, vor allem durch seine einfache, klar verständliche Sprache. Es war aber zu befürchten, dass die offensive, angriffige Art überborden könnte und ihm das aggressive Verhalten plötzlich Sympathie kosten könnte. Corti gab sich jedoch am zweiten Tag viel zurückhaltender, sprach sachlicher und verstand es dadurch, die Balance zwischen Sachlichkeit und Emotionalität wieder herzustellen.

Was mir in Bülach bestätigt wurde, war die Erkenntnis, dass eine Person bei Kommunikationssprozessen andere nur überzeugen kann, wenn sie von der eigenen Botschaft selbst überzeugt ist. Cortis Groll auf die Grossbanken, die "seine" Swissair stranguliert haben, die sich hinter seinem Rücken verschwört haben -- dieser Groll ist nicht gespielt. Corti ist felsenfest davon überzeugt, dass das Grounding von den Banken vorgängig geplant worden war.

Das Publikum glaubte deshalb dem engagierten Angeklagten. In wie weit der Film 'Grounding', in dem Corti sehr gut weg kam, diese Grundstimmung verstärkt hat, bleibt dahingestellt.


Nachtrag vom 16. Februrar: Im Prozess sieht die Anklage Mario Corti als Hauptschuldigen für das Grounding der Swissair.


Nachtrag vom 7. Juni, 2008: Das Bezirksgericht Bülach hat 19 ehemalige Swissair-Verantwortliche frei gesprochen. Die Angeklagten werden mit insgesamt 3 Mio Franken entschäigt. Die Staatsanwaltschaft hatte für Corti eine unbedingte Gefängnisstrafe von sechs Monaten gefordert. Das Bezirksgericht Bülach sprach aber den letzten Chef der Swissair aber von der Anklage auf Gläubigerschädigung, mehrfache ungetreue Geschäftsbesorgung und Misswirtschaft frei. Corti erhält eine Entschädigung von einer halben Million Franken. Auch Ex-Konzernchef Philippe Bruggisser sowie die Ex-Finanzchefs Georges Schorderet und Jacqualyn Fouse sind freiesprochen. Bruggisser erhält eine Entschädigung von rund 80'000 Franken, Fouse rund 230'000 Franken. Der Ex-SAirGroup-Verwaltungsratspräsident und Konzernchefs Eric Honegger wurde auch zum Nebenvorwurf des Steuerbetrugs freigesprochen und erhält eine Entschädigung in der Höhe von rund 100'000 Franken. Die freigesprochenen Ex-Verwaltungsräte Thomas Schmidheiny, Vreni Spoerry, Lukas Mühlemann, Andres Leuenberger, Benedict Hentsch, Antoine Hoefliger, Gaudenz Staehelin und Gerhardt Fischer erhalten Entschädigungen zwischen 150'000 und 230'000 Franken. Auch Karin Anderegg Bigger, Peter Somaglia, Andreas Simmen, Jan Litwinski, Andreas Länzlinger und Scott Cormack sind nicht schuldig und erhalten zwischen 20'000 und 150'000 Franken. Cormack erhält vom Gericht eine Genugtuung von 300 Franken für einen Tag Haft. Nach dem Urteil haben die allesamt freigesprochenen Angeklagten mit zurückhaltende Erleichterung reagiert. Keiner zeigte sich in Siegerpose. Keine Reaktion gab es zunächst vom letzten Swissair-Konzernchef Mario Corti, der zur Zeit in den USA weilt.

Quelle



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