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www.rhetorik.ch aktuell: (16. August, 2006)

Zum Outing von Günther Grass



Doppelbödiges Verhalten

Das späte Eingeständnis des deutschen Schriftstellers Günter Grass, im zweiten Weltkrieg Mitglied der Waffen SS gewesen zu sein, erregte die Gemüter in Europa. Nach dem ersten Schock folgten Analysen, Beurteilungen, Verurteilungen und Kommentare. Der "Fall Grass" schlug in den Medien erstaunlich grosse Wellen. Es ist einerseits gut nachvollziehbar, dass jemand die schwarze Seite seiner Biografie so lange wie möglich zu verheimlichen versucht. Andererseits war es für viele auch unverständlich, dass sich Günter Grass erst mit 78 Jahren outete. So unverständlich, dass gar spekuliert wurde: Ist Grass von jemanden unter Druck gesetzt worden und einer Erpressung zuvorgekommen. Oder war es ein inszenierter Werbegag, um mit den unerwarteten Enthüllung seine gerade erschienene Autobiographie einen grösseren Absatz zu finden?

Spekulationen beiseite. An der Geschichte ist das doppelbödige Verhalten des begabten Nobelpreisträgers gravierend. Als moralische Instanz hat er jahrzehntelang über zahlreichen Personen, auch jenen die bei der Wehrmacht waren, den Stab gebrochen:

Die Urteile über Helmut Kohl, Kurt Georg Kiesinger, Konrad Adenauer, und Helmut Schmid fällte er stets als Richter und als Gewissen der Nation. Die früheren Urteile werden heute in einigen Kommentaren zum Teil wortwörtlich wiedergegeben. Dass Günter Grass als unbescholtene Instanz in diesen Fällen die moralische Keule geschwungen hatte, veranschaulicht diese Doppelbödigkeit.

Ob er heute einsieht, dass diese früheren Urteile viel gravierender sind als sein zu spätes Eingeständnis? Er hätte als Mitglied der Waffen-SS auf diese Urteile unbedingt verzichten müssen. Dem weltbekannte Schriftsteller kann somit eine Doppelmoral vorgeworfen werden.

Als ob Grass geahnt hatte, dass ihn die Historiker nach Öffnung aller Archive entlarven könnten, stellte er sich ab 2003 hinter jene Geisteswissenschafter, wie Walter Jens, Peter Wapnwski, die im weiten Weltkrieg der NSDAP angehörten. Grass fand plötzlich, mit Enthüllungen dieser Art könne man das Leben dieser Menschen nicht zudecken.

Fazit: Wenn ein Mensch - mit dem Brandmal SS versehen - bei Anderen deren Nazivergangenheit vorwirft, ohne seine Teilnahme bei der Waffen-SS selbt offen gelegt zu haben, handelt doppelbödig. Dies kann leider heute dem peisgekrönten Schriftsteller Günter Grass vorgeworfen werden.


Matthias Knill

Gelungene Selbstinszenierung oder unkluge Kommunikation?

von Matthias Knill

Partner von Hirzel. Neef. Schmid. Konsulenten.
Spät, sehr spät hat sich Günter Grass zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannt. Grass bricht damit ein jahrelanges Schweigen über einen Teil seiner persönlichen Vergangenheit.

Versteht sich das Outing als gekonnte Selbstinszenierung oder gelungenes Vorfeld-Marketing für die im September erscheinende Autobiografie? Schaden die Aussagen der Reputation des Literaturnobelpreisträgers? Vernichtet Grass den eigenen Markenwert?

In einem zweiseitigen Interview in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 12. August 2006 gesteht Grass überraschend, dass er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hat. Mit der Aussage widerspricht Grass früheren Aussagen, wonach er bis zu seiner Verwundung im Frühling 1945 als Soldat gedient habe.

Der richtige Zeitpunkt und die richtige Form?

Kohl und Reagan im Soldatenfriedhof von Bitburg 1985 In der Vergangenheit hätte es zahlreiche Gelegenheiten zur Selbstoffenbarung gegeben: beispielsweise als er medienwirksam gegen den Besuch von Helmut Kohl und Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg protestierte. Aber auch 2003, als er seinen Freund Walter Höllner in Schutz nahm, der 1942 als Neunzehnjähriger Mitglied der NSDAP wurde. Oder vor wenigen Wochen, als er anlässlich der Eröffnung des PEN-Kongresses in Berlin über den Krieg sprach.

Der gewählte Zeitpunkt und die Form eines Interviews in einem führenden Tagesmedium sind insofern ungünstig, als dass die Kommunikation unmittelbar im Vorfeld der Publikation der Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebeln" als werbewirksame Massnahme interpretiert werden können.

Widerspruch zum früheren Bild

Als führender deutscher Schriftsteller der Nachkriegszeit nahm Grass eine gesellschaftskritische Haltung ein. Grass' Intention ist das "Schreiben gegen das Vergessen", weswegen seine Werke meist das Thema des Nationalsozialismus thematisieren bzw. vor dessen Hintergrund handeln. Auch die Werke Grass', die in der Nachkriegszeit handeln (z.B. "Im Krebsgang"), behandeln immer wieder die Thematik des Vergessens und der Schuld.

Durchgehend kommentiert Grass das gesellschafts-, wirtschafts-, aussen- und innenpolitische Tagesgeschehen. Auch bei komplexen politischen Sachverhalten hält Grass stets einfache Antworten bereit, bei denen Opfer (z.B. DDR-Bürger, Moslems) und Täter (z.B. Amerikaner) leicht identifiziert werden können. Mit dem Bekenntnis bricht Grass mit diesem Bild. Die Marke "Günter Grass" muss damit neu positioniert werden.

Inwieweit das Outing der Reputation von Günter Grass nachhaltig schadet, wird die Zukunft zeigen. Seine Glaubwürdigkeit hat Grass mit dem jüngsten Bekenntnis bestimmt nicht gestärkt.

Auf den Hinweis der FAZ, dass Grass über seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS nicht hätte schreiben brauchen und ihn niemand dazu hätte zwingen können, sagte er: "Es war mein eigener Zwang, der mich dazu gebracht hat."

Fazit: Vermutlich wäre es für Grass einfacher gewesen, weiterhin zu schweigen resp. das Thema nicht in der Öffentlichkeit aufzuarbeiten. Falls der beschriebene "innere Zwang" die eigentlichen Beweggründe zum Outing gewesen sein sollten, so hätten wir eine Kommunikation in anderer Form und zu anderem Zeitpunkt empfohlen.
Link zu diesem Beitrag von Matthias Knill im Persoenlich.com.





Quelle: Schaffhauser Nachrichten zeigt Grass vor einer Mauer mit dem Hakenkreuz.
Grass mit Zeichung der WaffenSS. Bild: FAZ.
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