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www.rhetorik.ch aktuell: (21. Mai, 2006)

Die Stimme als Marke

Dieser Beitrag ist eine Persoenlich News.


Politischer Radioarzt

Radio DRS verzichtet auf eine weitere Zusammenarbeit mit dem Radioarzt Jean-Jacques Fasnacht. Es stellt sich die Frage, wie weit ein Sprecher eines öffentlichen Mediums sich gleichzeitig als Sprecher einer politischen Organisation positionieren darf.

Grund für die Entlassung von Fasnacht beim Radio DRS war sein politisches Engagement gegen ein mögliches Tiefenlager von radioaktiven Abfällen im Zürcher Weinland. Fasnacht, der in der Sendung "Ratgeber" über Gesundheitsfragen Auskunft gab, engagiert sich zugleich in den Medien als Kopräsident des Vereins "klar! Schweiz". (Siehe dazu auch den Beitrag Wie begegne ich Polemik?)

DRS begründet die Entlassung damit, dass aus Gründen der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit redaktionelle Arbeit und politisches Engagement getrennt werden müssen. Mit dem Radioarzt habe man sich im vergangenen Herbst darauf geeinigt, dass er seine politischen Auftritte einschränke. Fasnacht trat jedoch weiterhin als Radiodoktor und gleichzeitig als Sprecher von klar! Schweiz auf. Radio DRS schliesst nicht aus, dass Fasnacht künftighin in einzelnen Sendungen weiterhin als Arzt zu Wort kommt, offizieller Radioarzt wird er jedoch nicht mehr sein.

Der Entscheid von Radio DRS führte zu medialem Interesse und zu Reaktionen. Eine Partei fragte sich, ob Radio DRS nicht aus politischen Beweggründen gehandelt habe. Jean - Jacques Fasnacht nahm zu dem für ihn überraschenden Entscheid von Radio DRS in verschiedenen Medien Stellung.

Die Stimme ist ein Marke

Wahrnehmungstests zeigen, dass die Stimme einen wichtigen Beitrag zur Kommunikation leistet. Bei Präsentationen vor einem Publikum trägt sie zu einem grossen Teil zur Informationsvermittlung bei. Bei Ueberzeugungsprozessen ist die Stimme von zentraler Bedeutung! Bei Radiosendungen ohnehin. Radiosprecher werden von Zuhörern unmittelbar erkannt und unbewusst einem Thema oder Sendegefäss zugeordnet. Charles Clerc, Stefan Tabacznic, Katja Stauber oder Peter Achten sind Stimmen der Tagesschau, Beni Turnherr ist Mr. Sport und die Stimme von Jean-Jacques Fasnacht steht für den Radioarzt. Die Stimme von Radiosprechern ist eindeutiges Erkennungs- und Markenzeichen und steht gleichzeitig für das Medium. Tritt ein Mediensprecher irgendwo auf, profitiert er von diesem Image.

Starke Konnotation der Stimme

Die Schweizerische Radio- und Fernsehverordung verankert im Art. 15 das Verbot der politischen aber auch unterschwelligen Werbung.

Es ist verständlich, dass Radiostationen bewusst darauf verzichten, bekannte Stimmen exklusiv für eine Sparte einzusetzen und diese Stimmen nicht kommerziell nutzen. So würde beispielsweise ein Zuhörer manipuliert, falls ein offizieller Tagesschausprecher einen Werbespot bespricht.

Der Grundsatz für freie MitarbeiterInnen beim Radio DRS lautet: "FachexpertInnen, die regelmässig in SR DRS-Programmen auftreten und durch ihre Arbeit beim Radio einen Bekanntheitsgrad erreicht haben, können nicht gleichzeitig als ExponentInnen von öffentlichen Aktionen mit politischen Zielen auftreten". Wie der BaZ vom 11. Mai 2006 entnommen werden kann, teilt Medienwissenschaftler Roger Blum diesen Standpunkt.

Aus mediendidaktischen Gesichtspunkten ist die Entscheidung von Radio DRS nachvollziehbar.

Stellungnahme von Radio DRS: Am 7. April 2006, ist Dr. Fasnacht am gleichen Morgen innert kürzester Zeit im Original-Ton als DRS 1-Arzt über den Sender gegangen und anschliessend im Regionaljournal ZH/SH als Co-Präsident von "KLAR!". Herr Dr. Fasnacht hat bereits am 7. April schriftlich die Mitteilung erhalten, dass SR DRS künftig auf seine Dienste verzichten wird. SR DRS hat mit Dr. Fasnacht bereits im September 2005 gesprochen und ihn darauf aufmerksam gemacht, dass sich die beiden Funktionen als Exponent von "KLAR!" und als Gesundheitsratgeber unter den Aspekten Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit und Anscheinproblematik nicht miteinander vertragen. Im Rahmen dessen wurde eine gemeinsame, schriftliche Vereinbarung getroffen, die Dr. Fasnacht akzeptiert hat, sich dann aber nicht daran gehalten hat. Es ist für die Glaubwürdigkeit, die Transparenz und die Unabhängigkeit von SR DRS sehr bedeutend, dass es keine Vermischungen gibt zwischen redaktioneller Arbeit und politischem Engagement in der Öffentlichkeit. Dafür gibt es für MitarbeiterInnen von SR DRS entsprechende Guidelines, die auch für freie MitarbeiterInnen und regelmässig auftretende ExpertInnen gelten. SR DRS geht es dabei ausschliesslich um öffentliche Auftritte (Veranstaltungen und Medien) und nicht um die Wahrnehmung politischer Rechte.


Jean-Jacques Fasnacht bezog als Präsident von "klar Schweiz" klar Stellung zur Frage der Entsorgung von radiaktiven Abfällen.

Erkenntnisse aus früheren Beiträgen

Ein Nachrichtensprecher hat durch die ständige Präsenz bei den Hörern eine sehr hohe Glaubwürdigkeit. Bei einer Katastrophe muss die Bevölkerung beispielsweise seine Stimme sofort erkennen können. Die Stimme des Sprechers ist ihr vertraut. Es ist deshalb wichtig, dass die Hörer diese Stimme akzeptieren. Vor allem dann, wenn es in Krisensituationen um wichtige Anordnungen geht. Produkte und Interessengruppen würden anderseits auch gerne von dieser glaubwürdigen Stimme profitieren. Radio und Fernsehen achten deshalb darauf, dass Moderatoren und Sprecher sich möglichst neutral verhalten. Diese Grundhaltung ist nachvollziehbar.

Immer wieder gab es zu reden, wenn die Fernsehverantwortlichen diese Regelung durchsetzen mussten. Vor Jahren trug beispielsweise Jana Caniga am Frauentag als "10 vor 10 Sprecherin" den violetten Aufkleber mit Hinweisen auf eine Frauen- Veranstaltung. Ort und Datum waren zu lesen. Damals löste diese Gratis- Werbung am Bildschirm langwierige interne Diskussionen aus (über Rechte und Grenzen bei neutralen Moderationen, Nachrichten usw.). Es wurde damals eindeutig festgehalten: Die Sprecherin darf nicht zu einer Werbeträgerin verkommen. Auch dann nicht, wenn es für eine angeblich gute Sache geht. Ansagerinnen sind keine lebenden Plakatsäulen.

Später kam es bei der Moderatorin Mona Vetsch von "OOPS", in einer Jugendsendung des Schweizer Fernsehens wiederum zu heftigen Reaktionen. Was war geschehen? Die junge Frau trug beim Moderieren ein T-Shirt mit der Aufschrift "Motherfucker" ( Aktuell Beitrag). Die Wirkung beim Publikum war negativ. Es kam zu verärgerten Zuschriften und Protesten. Der Ombudsmann Otto Schoch, wie auch die unabhängige Beschwerdeinstanz UBI mussten sich des "Falles" annehmen.

Nach unserem Dafürhalten müsste sich auch heute jeder Sprecher seiner priviligierten Stellung bewusst sein. Er darf sich deshalb nicht im nämlichen Sender vor Mikrofon und Kamera für (s)eine Interessengruppe engagieren.


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