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www.rhetorik.ch aktuell: (13. März, 2006)

Berlusconi verlässt Interview

Siehe Persoenlich Newsletter Berlusconi Aktuell Artikel TV Duell Prodi-Berlusconi (I) TV Duell Prodi-Berlusconi (II)

Quelle: SFDRS "10 vor 10", 13. März, 2006
Der Italienische Premierminister Silvio Berlusconi rannte am Sonntag nach 20 Minuten aus einem Interview im staatlichen RAI Fernsehen.

Die RAI Moderatorin Lucia Annunziata hatte im Interview gerade die Freundschaft zwischen Berlusconi und Präsident Bush thematisiert. Dies passte dem Ministerpräsidenten gar nicht. Dann kam folgender Dialog:


Berlusconi: Lassen Sie mich etwas sagen, was die Wähler interessiert. (Stimmengewirr) Nein! jetzt sage ich Ihnen, was Sie mich fragen sollen.
Moderatorin: Ich möchte eine der Wenigen sein, die es schafft, Ihnen eine Frage zu stellen und nicht nur bloss zuzuhören.
Berlusconi: Sie machen mir jetzt den Gefallen und hören zu, sonst stehe ich auf und gehe. Klar? Sie haben mich etwas gefragt und ich bestehe darauf, darauf zu antworten!
Moderatorin: Wenn Sie aufstehen und gehen - das können Sie hier nicht bringen.
Berlusconi: Ich stehe auf und gehe. Das wird ein Fleck bleiben in Ihrer Karriere. Sie haben mir nichts zu sagen.
Moderatorin: Sie mir auch nicht. Es gibt Regeln beim Interview. Bitte drohen Sie nicht, einfach davonzulaufen!
Berlusconi: Ich sage, was ich will und Sie haben mir nicht das Wort zu verbieten. Das zeigt, dass Sie links sind.
Moderatorin: Sie können nicht die Regeln machen!
Berlusconi: Ich bin liberal und entscheide nur für mich.
Moderatorin: Sie sind es nicht gewohnt, zu diskutieren.
Berlusconi: Also gut - auf Wiedersehen. (Verabschiedet sich - Beide geben sich die Hand) Sie haben gut gezeigt, wie eine Person mit Vorurteilen funktioniert und die links steht. Ich sage Ihnen: Sie sollten sich schämen!
Moderatorin: Sie wissen nicht, wie man mit Journalisten redet.
Berlusconi: Arrivederci. Ist die Reihe eigentlich von mir kontrolliert?

Nachspiel

Berlusconis Sprecher Paolo Bonaiuti fragte den RAI's Direktor nach dem Interview, er solle erklären, warum das Gesetz über die gleiche Behandlung von politischen Kandidaten nicht eingehalten worden sei. Er liess so durchblicken, dass Annunziata Fragen gestellt habe, die zeigten, dass sie Prodi bevorzuge.

Pressestimmen:



Lucia Annunciata

Lucia Annunziata

"Annunziata ist Gastgeberin einer 30-minütigen Interviewsendung. Bis 2004 war sie die Chefin von RAI. Sie trat damals zurück, weil nach ihrer Ansicht Belusconi-treue Kräfte versuchten, die Kontrolle über den staatlichen Sender zu bekommen. Berlusconi drei Mediaset-Netzwerke sind die grösste private Konkurrenz für die drei RAI-Programme."
Quelle: www.rp-online.de.


Überlegungsfragen zu diesem Kommunikationsabbruch:

  • Wer hat mehr gepunktet?
  • Wer hat wem mehr geschadet?
  • Wie hätten Sie an Stelle von Berlusconi besser gemacht?
  • Wie hätten Sie sich als Journalistin verhalten?




Kommentar zu den Überlegungsfragen: Eine gute Journalistin muss auf der Frage beharren. Berlusconi hat das Recht zu Antworten und seine Botschaften zu platzieren. Was immer falsch ist: Das Gegenüber persönlich anzugreifen und Vorwürfe zu machen. Aus meiner Sicht hat Berlusconi eindeutig das Gesicht verloren und sich enorm geschadet.
  • Weil er drohte ("Ich gehe, wenn..." / "Da wird ein Makel an Ihnen haften!").
  • Weil er die Nerven verlor.
  • Weil er die Journalistin beurteilt, etikettiert und sie von oben herab -- wie ein kleines Kind -- behandelte ("Schämen Sie sich!").
Berlusconi hat nicht nur das Gesicht verloren, hat sein echtes Gesicht gezeigt und seinem Kontrahenten Prodi vor dem TV-Duell eine Steilvorlage gegeben. Prodi hat bereits gestichelt: "Hoffen wir, dass er während des Duells nicht davon läuft." Die Journalistin hätte nach meinem Dafürhalten noch souveräner gewirkt, wenn sie das Verhalten Berlusconis stets freundlich und sachlich beschrieben und nicht gewertet hätte ("Sie wissen nicht, wie man mit Journalisten umgeht!"/ "Sie dürfen nicht drohen").

Man muss anfügen, dass es unerhört schwer ist, in einer derart stressigen Situation sich nicht von den Emotionen leiten zu lassen. Doch dies lässt sich trainieren.

Ähnliche Beispiele:

  • Novak verlässt eine Diskussionsrunde in CNN.
  • Bei Hannes Britschgi in der Rundschau stieg einmal Nicholas Hajek vom Stuhl - lief jedoch nicht weg. "Wenn sie mich wieder unterbrechen, steige ich von diesem Beichtstuhl", drohte er und hielt sich bei der nächsten Unterbrechung daran. Siehe Aktuell Artikel vom 15. February 2001 dazu.
  • Bodenmann und Maurer verliessen einmal das Studio vor laufender Kamera.
  • Am Radio gab es einmal eine Szene, als Ueli Schmezer einen Rocksänger interviewte. Dieser schrieb ein Buch darüber, wie wild sein Leben war. Als dann Schmezer nachhakte, sagte er, darauf wolle er keine Antwort geben und verliess Türenschlezend das Studio.
  • Herr G. meldete uns ein weiteres Beispiel: Dave Gahan von Depeche Mode hat mal ein Interview für die exzellente österreichische TV-Show "Sendung ohne Namen" abgebrochen Quelle.


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