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www.rhetorik.ch aktuell: (5. März, 2006)

Ein TV Duell ohne Wirkung?

(Fortsetzung)




Gut drei Wochen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben sich Ministerpräsident Günther Oettinger von der CDU und seine Herausforderin Ute Vogt von der SPD am 2. März beim einzigen TV-Duell einen Schlagabtausch geliefert. Das Fernsehduell "Oettinger gegen Vogt" wird jedoch die Wahl kaum beeinflussen. Für Experten ist Oettinger bereits gewählt.

Vor dem Duell hatte der Südwestrundfunk eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Infratest dimap" veröffentlicht, nach der die CDU bei der Landtagswahl am 26. März auf eine absolute Mehrheit der Mandate hoffen kann. Die CDU legte danach binnen eines Monats um einen Prozentpunkt auf 46 Prozent zu. Die SPD stagnierte bei 29 Prozent. Dennoch war das "Duell" für Oettinger eine Feuerprobe.


Vogt hatte bereits Duell-Erfahrung: Die Herausforderin musste schon im Jahre 2000 mit dem damaligen Regierungschef Erwin Teufel von der CDU die Kräfte messen. Als sie 45 Minuten vor Sendebeginn im Fernsehstudio eintraf, sagte sie genau gleich wie Schröder vor seinem Duell; vorbereitet habe sie sich nicht! Wir glauben dies so wenig, wie wir damals diese Bemerkung dem Ex-Bundeskanzler auch nicht abgenommen hatten. Der Duell-Neuling Oettinger, der 20 Minuten später ankam, sprach erstaunlicherweise von einem "Höhepunkt im Wahlkampf" mit einer "besonderen Bedeutung". (Wir bezweifeln ebenfalls, dass das Streitgespräch die Wahlen stark beeinflusst).

Der direkter Schlagabtausch, von den Moderatoren bewusst gelenkt, aber nicht unterbunden wurde, behandelte Themen der Landespolitik von der Atomenergie über Bildung bis zur Vogelgrippe. Persönliche Angriffe gab es selten, wobei Vogt generell ein loseres Mundwerk erkennen liess, etwa als sie Oettinger vorwarf, mit "geschwollener Brust" herumzulaufen.Oettinger sprach seine Diskussionspartnerin hingegen gar als "liebe Frau Vogt" an. Kleinlaut gab sich auch der Regierungschef nicht:

"Sie reden das Land schlecht. Es gibt keinen Grund, Angst zu verbreiten",


hielt er Vogt vor. Diese ernannte sich im Gesprächsverlauf kurzerhand zur "Ministerpräsidentin in Zukunft" und erzählte, dass sie Frauen für "effektiver" als Männer halte. Aufgelockert wurde die Diskussion durch persönliche Fragen. So wurde Oettinger auf seine Frisur angesprochen, in der jedes Haar exakt sitzt.

"Ich lege Wert auf ein ordentliches Äusseres",


lautete seine Antwort. Von Vogt erfuhren die Zuschauer, dass sie die Tür aufmacht, wenn es klingelt, und dass der Hund auf ihren Wahlplakaten nicht ihr gehört, sondern Freunden.

Die letzte Frage ging an beide Duellanten: Was sie denn Positives über ihr Gegenüber sagen können? "Ich finde, er hat eine unglaublich nette Frau", lobte Vogt nicht Oettinger, sondern dessen Gattin. Der Konter kam prompt, als Oettinger seiner Herausforderin eine Zukunft als "gute Oppositionsführerin" voraussagte. Einige Beobachter fanden,dass das Duell unentschieden ausgegangen sei. Wir sehen das Resultat nicht ganz so.

Mit "Frau Oettinger, Herr Vogt"


lieferte Moderator Michael Zeiss angesichts von relativ viel Verwechselbarkeit den schönsten Versprecher des Abends. Tatsächlich gab sich Ute Vogt "männlich". Sie wirkte recht frisch, wach, war aggressiv und frech. Rhetorisch war ihr Auftritt allzu penetrant. Aus unserer Sicht jedenfalls alles andere als unvorbereitet. Wir behaupten. Vogt wurde sehr gut gebrieft. So wie sie mit der Fotographie mit dem "fremden" Hund ein zwielichtiges Verhalten offenbart hatte, machte sie sich für uns mit der Behauptung, sie habe sich nicht vorbereitet, unglaubwürdig. Bei derartigen Kleinigkeiten gehen Punkte verloren.

Antizipierte Antwort

Die schlagfertig wirkende Antwort auf die überraschende Frage des Journalisten, was Sie an Oettinger positiv finde, war nach unserer Erfahrung - wie erwähnt -eine typisch antizipierte Antwort, die jeder gute Coach vorgängig besprechen würde. Der Satz

"Er hat eine unglaublich nette Frau!"


beinhaltet unterschiedliche Spitzen: Oettinger selbst ist nicht nett! Die Frauen sind besser als die Männer! Die Antwort ist gewiss durchdacht: Mit ihrer Antwort griff sie den Kontrahenten nicht direkt an. Uns erstaunte es, dass dennoch einige Zuschauer, diese schlagfertig wirkende Antwort gar nicht so gut fanden. Ein Zuseher sagte uns heute: Da hat Ute Vogt einmal mehr ihre unschöne Seite gezeigt.

Ottingers Lachen konnte bei den zurückliegenden zahlreichen Fastnachtsitzungen zur Genüge betrachtet werden. Er war bei den meisten Übertragungen mit dabei und konnte Abend für Abend das Zähnezeigen trainieren. Auch Vogt verstand es gut, vor Fotografen ihre Zähne zu zeigen, ebenfalls lachend. Auch rhetorisch verstand sie es, die Zähne zu zeigen, doch: Ohne allzu bissig zu werden.




SN vom 11. März, 2006, Online Archiv.



Duell des optimalen Auftrittes: "Die Kunst des Lächelns"




Es war gewiss ein PR faux pas, dass sich die Kandidatin auf dem Plakat mit einem fremden Hund ablichten lässt. Dies wurde nämlich in den Medien vor dem Wahltag entlarvt und hat Ute Vogt gewiss so geschadet, wie die peinliche Antwort im Radio.


Nachtrag vom 26. März, 2006: Wahlresultat

Wie erwartet hat Oettinger die Wahl gewonnen. Die Niederlage für Vogt war grösser als erwartet.


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