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www.rhetorik.ch aktuell: (1. März, 2006)

Wie Novartis eine fragwürdige Kampagne beantwortet





Der Kassensturz vom 27. Febr. publizierte eine unbegreifliche Werbe-Kampagne für ein Dopingmittel - die für junge Sportler geplant war. Mit dem gezielten Aushang für das Medikament Gly-Coramin geht Novartis gezielt junge Leute an.

Nur: Die vermeintlich harmlose Kautablette, welche dem Snöber mehr Energie geben verspricht, steht auf der Dopingliste und dürfte gar nicht an unter 16Jährige abgegeben werden.

Gly-Coramin ist ein Notfallmedikament, das für ältere Personen bei Schwächen, grosser Müdigkeit oder bei Kreislaufstörungen eingesetzt wird. Bekannt ist die Kautablette auch bei Soldaten, Bergführern. Hersteller Novartis will nun mit einer wilden Plakataktion gezielt ein junges Publikum ansprechen. Am Basler Bahnhof hängen beispielsweise die Plakate - mit einem abgebildeten Snowboarder samt dem glühendem Snowboard- zwischen Party- und Konzertveranstaltungen beim Bahnhof. Das Novartisprodukt verspricht mehr Energie dank Gly-Coramin. Doch die vermeintlich harmlose Tablette hat einen heiklen Inhaltsstoff mit Nebenwirkungen. Im Kleingedruckten ist zu lesen:

"Gly-Coramin kann eine positive Reaktion bei Antidoping-Kontrollen haben."


Der Grund: Eine Kautablette enthält unter anderem 125 Milligramm Nikethamid.


Nikethamid ist ein Dopingmittel. Es steht auf der Liste verbotener Substanzen, Mittel und Methoden des Bundesamts für Sport. 2004 wurde die damalige 100-Meter-Wetlmeisterin Torri Edwars aus den USA für zwei Jahre gesperrt, weil sie Nikethamid geschluckt hatte. Beat Villiger, der Chefarzt von Swiss Olympic findet die Aktion völlig daneben:

"Dass Junge mit einem Medikament angesprochen werden, kann nicht toleriert werden. Und wenn das noch mit einer Sportgruppe wie den Snölern gemacht wird, die bei den Jugendlichen einen immensen Einfluss hat, dann werden natürlich auch unter 16-Jährige diese Medikamente nehmen."


Kassensturz stellte Novartis schriftlich mehrere Fragen und wollte unter anderem wissen, weshalb der Pharmakonzern Jugendlichen ein Medikament als "Kult-Energiespender" verkauft und wie Novartis ausschliessen könne, das Jugendliche unter 16, angeregt von der Kampagne, Gly-Coramin konsumierten. Novartis hüllte sich in Schweigen.

Der sonderbare Umgang der Firma mit Medien

Novartis verweigerte die Auskunft. Der Chemiekonzern wollte Fragen der Kassensturzjournalisten nicht beantworten. Eine bewusste Antwortverweigerung. Fachleute finden alle die Novartis-Kampagne unhaltbar:

"So etwas prophylaktisch zu nehmen, um nachher gut drauf zu sein, ist nicht akzeptabel. Es ist ein Aufputschmittel, ein Medikament, das Nebenwirkungen hat. Jedes Medikament hat Nebenwirkungen. Dass man so etwas nimmt, um sich für eine kommende Aufgabe fit zu machen, ist nicht erlaubt",


sagt Beat Villiger. Inzwischen ist Swissmedic aktiv geworden. Das Heilmittelinstitut untersucht, ob die Novartis-Werbung gegen das Heilmittelgesetz verstösst.

Das No-commentverhalten der Novartis wurde lediglich bei den Nebenwirkungen durchbrochen. Die Firma bestritt jegliche Nebenwirkungen des Dopingmittels.

Ein renommiertes Chemieunternehmen darf nicht auf diese Weise mit den Medien umgehen. Dass die Kampagne ein gravierender Fehler war, ist unbestritten. Die Kommunikationsverantwortlichen hätten den Reputationsschaden für die Firma der der Plakatgeschichte berücksichtigen müssen.


Nachtrag vom 27. März: : Heinz Schild schreibt uns am 27. März:

Kompliment zur Stellungnahme in Sachen Novartis. Das Ganze ist ein Skandal. Ich habe vor ca. 15 Jahren mit dem damaligen Doping-Fahnder, Prof. Manfred Donike von der Uni Kön für das Schweizer Radio DRS ein Interview in Sachen Gly Coramin gemacht. Seine Anwort:

"Eine einzige Tablette genügt, und ein Leichtathlet wird für zwei Jahre gesperrt!"


Am Schluss des Interviews gab er noch einen drauf:

"Es ist mir absolut unerklärlich, wie in der Schweiz ein derartiges Produkt sogar als Lutschtablette verkauft werden darf."


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