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www.rhetorik.ch aktuell: (21. Januar, 2005)

Das Medienphaenomen Moshammer





Der Tod des deutschen Modedesigners Rudolph Moshammer brachte ein ungeheures Medienecho, nicht nur von der gelben Presse.

Was war pssiert? Am Freitag dem 14. Januar fand ein Chauffeur den 64 jährigen erdrosselt mit einem Telefonkabel um den Hals. Moshammer, auch der "Versace von Deutschland" genannt, hatte Leute wie Arnold Schwarzenegger, Jose Carreras, Siegfried and Roy, Yul Brynner oder König Carl XVI Gustaf of Sweden eingekleidet. Der 25 jähriger wurde am 16. Januar gefasst und hat unterdessen die Mordtat gestanden. Am 22. Januar fand die Bestattung des Modezars statt. Spiegel online: Sein Leben war eine Inszenierung, und auch seine Beerdigung glich einem Schauspiel: Tausende Anhänger des Schickeria-Modemachers Rudolph Moshammer säumten die Strassen, als sich der Trauertross durch die Strassen von München schob. "Mosi" wurde neben seiner Mutter beigesetzt - und nahm eine Locke seines Hündchens mit ins Grab.



Auf allen Titelseiten prangte seine Foto. Heute konnte in verschiedenen Kanälen die Moshammer-Beerdigung live im Fernsehen mitverfolgt werden. Details rücken ins Zentrum der Bild- und Printpresse sowie in vielen Weblogs.

Anmerkung: Obwohl Rudolf Moshammer mit einem o geschrieben wird [Der Begriff "Rudolf Moshammer" hat 15'700 Google Einträge], erscheint auch der Name "Rudolf Mooshammer" an vielen Orten [Der Begriff "Rudolf Mooshammer" hat 6220 Google Einträge]. Es könnte theoretisch durchaus passieren, dass mittels Blogdynamik in Zukunft der Name "Mooshammer" überhandnehmen würde. Schon jetzt illustriert dieses Detail Wahrheitsverzerrungen im Internet.


Er trägt lila Krawatte und schwarze Lackschuhe."


Details werden nicht nur zu zentralen Klatschthemen.

"In den Händen hat Mosi einen Haarbüschel seiner geliebten Daisy."




"Bild" Leser erfahren konkret:

"Seine Hände sind unter der Brust gefaltet. In ihnen hält er eine Haarlocke von Daisy. Er wird sie nie wieder loslassen."


Die Fotos des "einbalsamierten" Rudolph Moshammers erinnern an Bräuche aus anderen Zeitepochen. Ein Titel lautet:

"Mosi als Mumie beerdigt."


Wieder lesen wir die Details:

"Ein Blumenmeer bedeckt den mächtigen Mahagonisarg. Weisse Lilien, rote Nelken. Rosen umranken die schweren Messinggriffe."


Bei dieser Moshammer-geschichte haben wir es mit dem Phänomen des gegenseitigen Aufschaukelns einer Mediengeschichte zu tun. Es gibt einen Dominoeffekt. Wie nach Elvis oder Dianas Tod beginnt eine Eigendynamik.

"Hunderte haben sich still vor dem Gotteshaus versammelt, bis zum Abend sind es bereits 6000. Viele haben Tränen in den Augen."




Die Leute verneigen sich voller Ehrfurcht. Einer flüstert sogar:

"Der Tod hat Mosi unsterblich gemacht."


Die Boulvardpresse kostet alle Nebengeschichten aus. Sie garantieren Einschaltquoten. Sie werden bestimmt veröffentlicht, solange die Menschen sich für Details interessieren, wie:

"Sein Sarg ist 2,07 Meter lang, 73 Zentimeter breit. Er wird von 15 Sicherheitsmännern bewacht. Sechs Kerzen werfen ihr Licht auf ein grosss Foto. Zärtlich hält Mosi darauf seine geliebte Daisy im Arm. Aus Lautsprechern erklingt das Reiterquartett von Joseph Haydn. "Man sieht nur mit dem Herzen gut", heisst es auf einem Sterbebild."




Solange sich die derartige Geschichten vermarkten lassen, werden folgenden Schlagzeilen noch viele weitere folgen:

  • "Moshammers Killer in Psychiatrie verlegt"
  • "So wird Moshammer zur Mumie"
  • "Mosis Chauffeur 'Sein erster Bo' war Erich Mielke
  • "Moshammers geheime schwule Party-Welt"
  • "Mosi singt von seiner geliebten Daisy"
  • "Chauffeur erbt! Mosis treuester Freund ist jetzt der neue Bo"
  • "Wie läuft die Trauerfeier ab? Daisy hat den besten Platz!
  • "Der Chauffeur ist eigentlich Maler"
In Serien sind zur Zeit im Bild weitere Fortsetzungsgeschichten zu lesen: wie

  • "Was wird bleiben vom Mythos Mosi?"
  • "Er jammerte: "Ich habe niemanden'."
  • "Schampus aus Masskrügen, aber geleaster Rolls-Royce."
  • "Ein Gepard machte in zum König der Schickeria."
  • "Vor Armut hatte er die grösste Angst."


Weshalb kam es bei Moshammer zu so einem grossen Medienphänomen?

  • Die Moshammer-Geschichte ist aussergewöhnlich. Moshammer war eine Persönlichkeit aus der Märchenwelt.
  • Die Mischung zwischen Personifizierung, Emotionalisierung steht in einer idealen Balance zwischen realen kriminellen Tötung und einer unrealen Traumwelt aus Glamour und Tränen.
  • Die Geschichte ist nach den wochenlang gesendeten Bildern des Grauens und Elends in Südasien für die Medien und die Medienkonsumenten eine willkommene Abwechslung.
  • Moshammer war ein Pardiesvogel und machte Dinge, die sich andere nicht erlauben können. Die Leser können dieses stellvertretend in den Medien nachvollziehen.
  • Viel Prominenz war an der Beerdigung. An der Zeremonie nahmen rund 400 geladene Gäste teil. Auch Roberto Blanco und dessen Ehefrau Mireille oder Senta Berger nahmen teil.
  • Moshammer stammte aus armen Verhältnissen - sein Vater war ein Alkoholiker - und schaffte es während seines Lebens - zu Ruhm, Reichtum und Ansehen. Tellerwäscherkarrieren wurden seit je vom Publikum bewundert.
  • Tiergeschichten (hier mit Daisy, dem Hündchen) sind immer mediengerecht und sichern Einschaltquoten.
  • Wie bei vielen Grossveranstaltungen kam es zu typischen Massenphänomenen mit Eigendynamik. Der Appetit kommt beim Essen.




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